Reisen in Zügen

Ich sitze im Zug Bologna – Verona einer Argentinierin und einem Argentinier gegenüber, einem Paar. Sie trinkend schlürfend Mate Tee aus einem dieser Gefäße mit Stahl-„Strohhalm“. Aus irgendeinem Grund ekeln sie mich an, obwohl sie wie ganz normale Menschen aussehen, weder verwahrlost noch auf eine andere Weise grauslich. Vielleicht ist es nur das nervtötende Mate Schlürfgeräusch. Der Behälter muss alle 10 bis 20 Sekunden nachgefüllt werden. Da ich Zeugin der Zubereitung wurde, weiß ich, dass mindestens drei große Esslöffel staubigen Tees darin gelandet sein müssen – für das Wasser bleibt nicht mehr viel Platz. Der Mann erinnert mich an jemanden. Jemand, den ich einmal mochte und dann nicht mehr. Vielleicht stammt der Ekel auch daher.
Schlürf. Wieder und wieder. Dieses eklige Geräusch. Wieder wird Wasser nachgegossen. Sie diskutieren oder streiten leise. Wie alle Paare, kommt mir vor. Gibt es noch Paare, die friedlich miteinender auskommen? Warum werde ich immer wieder damit konfrontiert? Soll ich endlich begreifen, dass in der Existenz als Teil einer Zweierbeziehung kein Glück zu finden ist?

Nächster Halt. Verona. Gelangweilt schlendere ich auch hier, wie immer, die unterirdischen Gänge des Bahnhofes entlang, wie in allen Bahnhöfen, in denen ich umsteigen musste. Die Italiener wissen bzw. wussten keine guten Bahnhöfe zu planen, die Gänge sind viel zu eng und dementsprechend gestopft voll. Die Bahsteige sind zu schmal. Bei Ankunft der Züge drängen sich die Menschen zusammen, als wäre man am Bahnhof von Neu-Delhi, wo ich auch einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte…
Dann: warten vor einem verschlossenen Zug. Zur Abfahrtszeit stehe ich mit allen anderen Reisenden immer noch am Bahnsteig vor den abgesperrten Wagons. Der Zug ist leer. Statt abzufahren, lässt er wie ein stöhnendes Ungetüm laut zischend Luft entweichen. Es passiert lange Zeit nichts. Das kann nur eines bedeuten: Verspätung. Die Menschen zünden sich erste Zigaretten an.

Letztendlich werden die Türen mit einem weiteren Zischen freigegeben. Man steigt ein. Der Grund für die Verzögerug wird keineswegs ersichtlich. Entgegen meiner Befürchtungen beim Anblick des Zuges ist dieser jedoch klimatisiert. Nicht, dass ich eine Liebhaberin von Klimaanlagen wäre, ganz im Gegenteil, aber bei über 30 Grad im Schatten in einer Blechbüchse eingesperrt zu sein ist alles andere als wünschenswert.

Klappernd setzt dieser in die Jahre gekommene Zug meine Reise fort. Ich habe, ganz anders als im letzten, viel Platz. Niemand geht mir auf die Nerven, außer ich mir selbst vielleicht. Dass ich erst eine gute Woche unterwegs bin, will mir nicht in den Sinn. Mir kommt es bereits wie mehr als zwei vor und, wie immer, wenn ich so lange fort bin von Wien, sehne ich mich dahin aus unerklärlichen Gründen mit einer starken Dringlichkeit zurück, die sich durch einen beklemmenden Druck in der Brust bemerkbar macht. Aber es sind keine zwei Wochen vergangen, bloß neun Tage. Und trotzdem….

Verona – Brixen. Die Landschaft Italiens zieht an mir vorbei. Aus den flachen Landschaften haben sich in der Zwischenzeit Berge erhoben. Es gibt Wälder und Weinreben, Dörfer mit Kirchen an Füßen von felsig aufragenden Bergen. Die Aussicht scheint idyllisch. Wie kommt es, dass hügelige Landschaft meist so viel ansprechender erscheint als flache? Zuvor hatten industrielle Anlagen, Straßen, Autobahnen, Gewerbegebiete und Meere von Folientunneln, in denen Gemüse für die hungrigen Mäuler Europas angebaut wird, die Ebenen in Beschlag genommen und verwüstet, sagen wir es, wie es ist. Nun schmiegen sich schüchterne Häuser mit flachen Ziegeldächern an die Schöße der Dolomiten. Auch die paar Ausrutscher an anonymer, gesichtsloser Architektur werden verziehen. Selbst die Staße fällt nicht weiter auf. Hier zahlt sich der Blick aus dem Zugfenster wieder aus; es war auf meiner Reise bisher nicht überall so.
Mir wird keine Sekunde lang fad, ich werde höchstens schläfrig. In kurzen Abschnitten lese ich in meinem Buch, dazwischen lege ich lange Pausen ein, um aus dem Fenster zu schauen oder diese Zeilen aufzuschreiben. Neuerdings, so scheint mir, könnte ich nahezu den ganzen Tag im Zug verbringen, ohne dass es mich weiter stören würde. Gesetzt, ich hätte genug Platz um mich und keine oder zumindest angenehme Mitreisende. Die Schläfrigkeit lullt mich ein. Wenn ich darüber nachdenke, geht es mir schon seit Tagen so. Ich schiebe es auf das Wetter, dass ich den ganzen Tag vor mich hindösen könnte, nur unterbrochen dadurch, dass ich mich der Nahrungsaufnahme widme.

Reisende sind eingestiegen. Sie öffnen die Fenster. Ohrenbetäubende Geräusche füllen den Wagon wegen der großen Geschwindigkeit. Wir fahren in einem Tal. Links und rechts erheben sich die Berge im Hintergrund einer durch Weinbau und Obstbau genutzten, flachen Landschaft. Ich versuche mir alles aus der Vogelperspektive vorzustellen. Dann müsste ich nicht die hässlichen Produktionsstätten, Lagerhallen und unerklärlichen grauen, verwahrlosten Bauten sehen, die wieder die Gleise flankieren.
In Trient bemerke ich zum ersten Mal, dass deutsch gesprochen wird. Südtirol.

Nach ungezählten Pizzen, Tortellini und anderen Pasta-Gerichten verlasse ich Italien bald wieder, nicht ohne Wehmut, und werde mich ab Bressanonne mit dem Auto, gemeinsam mit meinen Freunden, Richtung Deutschland aufmachen.

Venedig mal anders

Venedig ist wunderschön. Venedig ist Kitsch. Venedig ist ein Disneyland, nur echt. Venedig ist unglaublich. Venedig ist ein Labyrinth. Venedig ist eine riesige Einkaufsstraße. Venedig ist all das und so viel mehr.
Wir wollten die unentdeckten Seiten Venedigs kennenlernen, die versteckten Winkel, falls es so etwas noch gab. Wir begaben uns auf die Suche, auf den Routen abseits der bekannten und abgetretenen Straßen.
Man merkt, dass man auf dem richtigen Weg ist, wenn die Geschäfte weniger und das Italienisch auf den Straßen mehr wird. Wir staunten und fotografierten, kamen auf menschenleere Plätze und waren stolz auf unseren Entdeckergeist. Langsam aber sicher machte sich der Hunger bemerkbar, wie es eben so ist, wenn man ohne Ziel stundenlang unterwegs ist.
An Trattorias und Osterias mangelt es in Venedig wahrlich nicht. Genausowenig wie an Geschäften für überbordend geschmückte Masken umd Boutiquen für jedes Geldbörsel. Doch es konnte nicht irgendein Lokal sein. Unzählige ließen wir aus den unterschiedlichsten Gründen links liegen. Es musste etwas Besonderes sein.
Ein Tisch im Freien, üppig mit Essen zur Selbstbedienung beladen, weckte unsere Aufmerksamkeit. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass die Besitzerin des Weinlokals zu dem der Tisch gehörte den Geburtstag ihres verstorbenene Mannes feierte, "Man muss die Geburtstage feiern, auch wenn die Menschen nicht mehr auf der Erde sind", meinte sie und lud uns zu Wein und Häppchen ein. Wir sollten so viel zahlen, wie wir wollten, sagte sie.
Endlich sich nicht wie ein wandelndes Geldbörsel fühlen, keine Cashcow sein. Einfach von Mensch zu Mensch. Am Rande des Kanals, auf dem Boden sitzend, aßen wir kleine panierte Fische und Salat mir Couscous und Käse. Neben anderen angeheiterten Menschen tranken wir unseren Wein. Hunde bettelten an Leinen zerrend um Reste und bekamen nichts. Kinder spielten am Boden und zeichneten Unerklärliches mit Kreide. Ein Hund kackte unweit auf den Boden, ausgerechnet vor dem Zigarettenautomaten, jemand stieg beim Zigarettenkauf hinein und verteilte den Dreck auf seinem weiteren Weg. Infolge dessen schmierten die Kinder ihre behosten Knie hinein – niemand achtete darauf, nur wir allein verfolgten diesen unbemerkten Sketch.
Venedig wurde zu einer Stadt, kein Disneyand mehr. Eine Stadt mit lebenden Menschen die feierten und sich betranken, lachten und schrien. Eine sympatische Stadt.

Make believe

Jemand mit einer Mütze, wie man sie bei Temperaturen unter 10°C auf hätte, setzt sich an den Tisch neben us. Es ist Sommer, wir sitzen auf einer Terrasse an der Margaretenstraße. Ein lauer Samstag Abend. Viele von den Leuten die hier sitzen, zwischen 20 und 35 Jahre alt, haben Tattoos, tragen unkonventionelle Kleidung, manche haben große Brillen mit auffälligen Rahmen auf. Ich nenne sie, ebenso wie den Mützenträger, die Pretenders. In den 90er Jahren ließ man sich ein „Arschgeweih“ stechen, heute einen „Sleeve“. Es gibt wenige Leute, an denen Tattoos wirklich authentisch wirken. Der Rest ist dazu verdammt, nach dem Ende des Trends mit auf ewig eingestochenen Peinlichkeiten dazustehen. Manche von ihnen werden den Gegenwert eines Kleinwagens dazu aufwenden, die Tinte unter der Haut wieder los zu werden. Doch das sind Nebenschauplätze.

Die Pretenders sind jener Schlag von Menschen, die, so habe ich das Gefühl, mit allem, was sie tun, beeindrucken wollen. Und nicht nur das, sie wollen ein bewusst entworfenes Bild von sich zeichnen. Sie sind nicht einfach nur, sie wollen sein. Sie verkörpern die Analogie zu dem Spruch „Wir arbeiten in einem Job, den wir hassen, um uns Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“ Nur dass sie ihr Tun in die Welt des Seins verlagert haben. Ein anderer dieser Sprüche, die sich im Internet ausbreiten, wie eine Seuche: „Sein statt Haben.“ Ja, sie wollen sein. Sie wollen kein dickes Auto, keine Einfamilienhaus, keinen Pool, keine Trophy-Ehefrau haben. Sie wollen jemand bestimmtes sein. Dafür schmücken sie ihren Körper auf eine bestimmte Art und Weise, die ich wohl am besten mit dem Pinterest-Look beschreiben kann. Sie machen tolle Reisen um zu zeigen, wie viel sie gelernt haben. (Das Internet sagt, „nicht zu reisen ist, als würde man nur eine einzige Seite des Buches lesen“.) Als Symbol dafür lassen sie sich eine Windrose in den Unterarm stechen oder die Umrisse der Kontinente auf den Fußrücken.

Ich bewundere Menschen, die authentisch sind. Mit oder ohne Tattoos. Menschen, die sich ausdrücken in dem wie sie sind und sich selbst vertreten. Pretenders sind die Abziehbilder jener Menschen. Sind die einen mutig und verwegen, machen die anderen etwas, um so zu wirken. Sind die einen spontan und unberechenbar, veranstalten die anderen ein großes Theater, um den Eindruck zu erwecken.
Ich habe Personen kennengelernt, die aussahen, wie strenge Volksschullehrerinnen, die aber zu Elektronischer Musik sechs Stunden am Stück durch die Nacht tanzen konnten. Und nicht um jemanden zu beeindrucken – aber mich hat es beeindruckt. Authentisch ist, wenn man sich einen Dreck darum schert, wie man rüberkommt; wenn man sich einfach ausdrückt um man selbst zu sein, ohne vorher über das Gesamtbild nachzudenken.

Pretenders sind das lebendige Äquivalent zur PR-Kampagne. Sie sind ihre eigene Kampagne. Sie vermarkten sich, um ihren Wert zu optimieren. Daher lassen sie sich relativ schnell kategorisieren. Bewusst oder unbewusst wählen sie eine Zeichensprache, die andere vorgeprägt haben und die sich irgendwann zu einer Stilrichtung entwickelt hat. Bestimmte Kleidung, bestimmter Schmuck, bestimmte Tätowierungen und alles aufeinander abgestimmt.

Zurück zum lauen Samstag Abend im Schanigarten auf der Margaretenstraße. Unweit von uns unterhalten sich eine Gruppe junger Menschen abwechselnd auf englisch und deutsch. Ich kann nicht erkennen, ob aus Notwendigkeit oder zum Spaß. Eine junge Frau spricht ihr Englisch in für mich makelloser britischer Aussprache. Ein bisschen bin ich neidisch auf sie. (Als ich mich mal auf englisch aufgenommen und es mir dann vorgespielt habe, habe ich mich dafür geschämt.) Dann wechselt sie zurück ins Deutsche. Dieses wiederum kann ich nicht zuordnen – nicht einmal ob österreichisch oder „deutsch-deutsch“. Ich nehme noch einen Schluck von meinem Bier, das langsam seine Wirkung zeigt. Schon nach der Hälfte des ersten Glases. Die Hitze und der nahezu leere Magen machen es möglich. Ich grinse meine Begleitung an; „na Oida“, sagt er, als wüsste er, woran ich gerade denke.

Mein Fahrradunfall

Oder

Wie ich mit einer gebrochenen Rippe ins Krankenhaus kam und mit derselben plus einer schlimmen Erkältung wieder heraus

In Retrospektive lässt sich natürlich leicht reden – denn ja, es hätte viel schlimmer kommen können. Ich bin sehr froh, relativ glimpflich davongekommen zu sein und schätze mich glücklich.
Doch alles der Reihe nach. Es war ein Freitag Nachmittag. Ich war extra früher aus der Arbeit gegangen um noch ein paar Besorgungen zu machen, nach Hause zu fahren um mit dem Hund zu gehen und dann um 6 Uhr Abends auf einer Geburtstagsfeier zu sein. Ich war noch halbwegs gut im Zeitplan und mit dem Rad unterwegs – unabhängig, flott, dynamisch, wie man so schön sagt. Die Ampeln hatten mich schon den ganzen Tag aufgeregt. Wie immer, wenn ich die Route am Gürtel fahre. Man steht alle paar hundert Meter, manchmal sogar ungelogen für bis zu fünf Minuten. Ich finde das sollte nicht sein. Schon gar nicht, wenn man mit dem Fahrrad fährt, da tut man allen anderen eh schon einen Gefallen (weil weniger Autos auf den Straßen, als wenn man mit dem Auto gefahren wäre und auch weniger volle U-Bahnen und Busse und Straßenbahnen, als wenn man mit den Öffentlichen gefahren wäre). Aber sei’s drum – das wäre ein anderer „Rant“.
Dynamisch, wie ich bin, fuhr ich also meine bekannten Routen ab. Die kenne ich schon in und auswendig, weiß welche Ampel, wann auf grün schaltet, und wie viel Zeit einem dann noch bleibt, bevor sich die nächste Warte-Session einstellt. Nur noch wenige Hundert Meter vor dem Ziel, springt eine Ampel auf grün, ich sehe es von weitem und lege einen Zahn zu, denn viel Zeit bleibt nicht. Ich erreiche die Ampel immer noch bei grün und überquere die Straße, als das Licht gerade anfängt zu blinken. Ich bin schon fast auf der anderen Seite, als ich bemerke, dass ein Auto mir den Weg abschneiden wird. Ein Rechtsabbieger schiebt sich in meine Bahn. Ich habe nur noch Zeit zu realisieren – und es ist erstaunlich, wie viele Gedanken man in wenigen Zehntelsekunden haben kann – es wird heute nichts mehr mit der Party, denn es wird ein Aufprall (ich drücke fest auf die Bremsen); hoffentlich falle ich nicht auf den Kopf, ich habe keinen Helm auf; Mist ich fahre das gute Fahrrad, das kann ich jetzt auch vergessen. Dann der Impact. Ich fahre dem Auto voll in die vordere Seite. Irgendwie falle ich auf die Motorhaube, fühle einen Stich in den Rippen, rechte Seite hinten, lande dann irgendwie am Boden. Sofort sind ein paar Menschen um mich. Gingen die ersten paar Zehntelsekunden vor dem Aufprall wie in Zeitlupe, die ersten Sekunden danach waren wieder Zeitraffer. Ein Mann und dann noch einer reden auf mich ein. Wo es wehtut, ich solle mich nicht bewegen. Sie bringen eine Decke für meinen Kopf, rufen die Rettung. Bis die Rettung kommt merke ich, dass mir dass Atmen schwer fällt, weil die Schmerzen es mir nicht erlauben tief zu atmen. Ich keuche laut. Ich stöhne, denn ich muss auf der Seite liegen, die weh tut. Sie wollen nicht, dass ich mich umdrehe. Sie bringen noch einen Polster und tauschen die Decke unter meinen Kopf gegen den Polster um diese unter meine Seite zu legen. Dann kommt auch schon die Rettung. Mein Ersthelfer war zufällig Sanitäter. Sie tauschen Fachbegriffe aus, wie es um mich steht. Dann kommen sie mit dieser schmalen Bare und legen mich mit möglichst wenig Bewegungen rücklings darauf. Ich werde fixiert, besonders Hals und Kopf.
Im Krankenwagen ist die Sanitäterin eine nette Frau in meinem Alter, vielleicht ein bisschen jünger. Meine Daten werden von der inzwischen ebenfalls eingetroffenen Polizei aufgenommen. Ich bekomme ein Schmerzmittel intravenös. Sie legt mir einen Zugang im linken Handrücken. Ich hasse Zugänge. Tun sauweh und es stört mich, dass man jemandem, der eh schon Schmerzen hat, noch zusätzliche zuführt. Aber wenigstens wirken die Schmerzmittel. Sie machen mich auch schwindelig, genau wie mich die Krankenwagen-Sanitäterin vorgewarnt hatte. Sie erklärt mir, ich werde ins AKH gebracht und in den Schockraum kommen. Ich solle mich nicht schrecken, wenn gleich viele Ärzte um mich herum sein werden. Ich habe schon Bilder aus Emergency Room vor Augen und denke mir in meinem allgegenwärtigen Zynismus – endlich live erleben.
Die Fahrt ist kurz. Wir treffen im AKH ein. Ich werde irgendwie schon erwartet, genau wie in der Serie. Fachbegriffe schwirren durch die Luft. Stabil. Nicht intubiert.
Als erster stellt sich der Anästhesist vor. Ich habe das Gefühl er freut sich schon drauf mich unter Narkose zu legen. Dann sowas wie ein Internist, keine Ahnung. Ich merke mir keine Namen. Sie sind alle geschäftig. Alles geht ruck-zuck. Dass das auch mal möglich ist. Sonst muss ich immer stundenlang warten, wenn ich ins AKH gehe. Was zum Glück erst wenige Male der Fall war. Ich werde – genau wie in der Serie – auf ein andere Bett gehievt. „Auf drei, der Kopf zählt.“ Sie betasten mich, nein sonst tut nichts weh. Sie fangen an mich von allen Seiten auszuziehen. Meine Schuhe und Socken, meine Hose. Beim Shirt dauert es länger, da ich meine Arme nach obern halten muss. Au. Ob sie meinen BH aufschneiden dürfen. Ja. NEIN! Ist mein Lieblings-BH. Die Frau schmunzelt. Inzwischen habe ich längst den Überblick verloren, wer aller da ist. Die Frau öffnet den Verschluss des BHs unter meinem Rücken. Nachdem sie festgestellt haben, dass ich wahrscheinlich nichts am Kopf oder Wirbelsäule haben, sind sie nicht mehr gar so haglich. Geschafft. Alle Kleidungsstücke gerettet. Ich bekomme eine bereits vorgewärmte grüne Decke aus komischem, gummiartigen Material aufgelegt. Sie werden einen CT-Scan machen. Fragen mich nach Schmuck aus Metall, und sonstigem, ob ich was am Körper trage. Ich fürchte mich ein bisschen vor dem CT und weiß nicht mal warum. Es ist nicht die Röhre, sondern eines dieser Dinger, wo eine Art großer Ring über einem wandert. Wenigstens nicht die Röhre… Ich werde über das Kontrastmittel informiert, dass ich bald gespritzt bekomme. Es hat – was sonst – ein paar eigenartige Nebenwirkungen. Mir wird davon heiß werden und einen komischen Geschmack im Mund bekommen. Jedesmal wenn sie mir etwas über den „Zugang“ spritzen tut es so höllisch weh, dass ich darüber meine Rippenschmerzen vergesse und mich beschwere. Der Arzthelfer legt einen neuen. Gleiche Hand, ein bisschen aufwärts. Für kurze Zeit habe ich zwei dieser „Viecher“ in meiner Hand stecken, direkt hintereinander. Ich bitte ihn den ersten herauszunehmen. Zum Glück geht er meiner Bitte nach. Ich kann das Schläuchchen in meiner Vene bei jeder Bewegung schmerzhaft spüren. Der Andere Zugang ist nicht viel besser, aber ein wenig. Mit der Zeit werde ich den aushalten lernen, wird sich herausstellen. Sie lassen ihn zwei Tage drinnen, obwohl sie ihn nach dem Schockraum nie mehr verwenden werden.
Nach dem CT und Knieröntgen (dass im Liegen gemacht wird) stellt sich heraus, ich habe keine anderen Verletzungen, außer einer gebrochenen Rippe. Ich bin froh und denke mir, na jetzt bin ich mal durchgescannt. Sollte als Vorsorgeuntersuchung vorerst reichen…
Alle lehnen sich metaphorisch zurück. Der Chirurg hat nichts zum Aufschneiden, der Anästhesist niemanden zum anästhesieren. Ob sie froh darüber sind? Ich bin jedenfalls heilfroh nicht aufgeschnitten worden zu sein. Das war meine zweitgrößte Sorge.
Ich komme noch in einen Warteraum. Im Bett neben mir wird ein Serbe, der sich am Bein verletzt hat (ich konnte nicht sehen, wie genau), auf englisch über die Nebenwirkungen und Risiken einer bevorstehenden Operation aufgeklärt. Hämatome vom Liegen auf dem OP-Tisch seien möglich. Infektions-Risiken nähmen, aufgrund der Vergrößerung der Wunde, zu. Und vieles andere. Ich bin erstaunt, wie genau es die Ärzte handhaben. Und irgendwie froh. Nichts wird „schnell, schnell“ gemacht.
Dann besucht mich ein Polizist. Er sieht aus, wie aus einer Sitcom. Jung, ein bisschen mollig, aber irgendwie niedlich. Er geht mit mir noch einmal kurz den Unfallhergang durch. Er sagt mir, der Fahrer des Autos hatte seinen Führerschein erst seit 5 Tagen. Irgendwie tut mir der Fahrer leid…
Nach weiterem Warten werde ich endlich auf die Station gebracht, wo ich die Nacht verbringen werde. Das ist notwendig, damit sie später noch einmal meine Lunge kontrollieren können. Meine Gedanken kreisen darum, meinen Freunden bescheid zu geben, warum ich nicht auftauche und zu checken, wer meinen Hund versorgen kann, der ja noch immer in der Wohnung wartet. Beides wird sich später problemlos klären lassen.
Auf dem Weg zur Station scherzen Schwestern und Pfleger herum und necken sich gegenseitig wie 15jährige. Ich finde eine entspannte Arbeitsatmosphäre ja ganz nett, aber irgendwie mache ich mir gerade Sorgen, dass sie über den ganzen Schabernack irgendetwas an mir falsch machen. Mein intravenöser Zugang schmerzt noch immer und ich habe gerade ganz andere Sorgen.
Die Visite lässt nicht lange auf sich warten. Mir wird neben den sich obligatorischen Blutdruckmessungen, außerdem noch Blut für einen weiteren Test abgenommen. Stiche, Einstiche, immer wieder. Der Zugang wird dazu nicht verwendet. Der Arzt und der Pfleger, oder Arzthelfer, oder whatever, reden noch einmal mit mir über den Hergang. Der Helfer scherzt mit mir und ich habe Schmerzen beim unterdrückten lachen. Ich bitte keine Scherze mehr zu machen und grinse. Ich bin um ca. 50 Jahre unter dem Altersschnitt hier unter den PatientInnen. Wer kann es ihnen verübeln.
Leider entwickelt sich die lockere und nette Atmosphäre in den nächsten zwei Tagen weniger erfreulich. Eine Schwerster sagt mir mittags am nächsten Tag, ich sei bisher die einzige die Hallo gesagt hätte, alle anderen sagten nur „Schon wieder Essen. Schon wieder Sie.“ Dementsprechend sind die meisten Schwestern und Pflegerinnen auch gelaunt. Schlecht. Sie behandeln die Patienten, als seien sie keine wirklichen Menschen. Mit einer komischen Distanz. Anders als der Pfleger und der Arzt gestern. Mit der Zeit behandeln sie mich auch so. Umso länger ich hier bin, umso schlechter wird es. Vielleicht ist es, weil die Attraktion des „Neuen“ vorbei geht. Die Neue, die sich ein Rippe beim Fahrradfahren gebrochen hat, ist dann nicht mehr die Neue. Andere Patienten kommen herein. Ein Mann schreit jeden Tag beim Einschlafen laut um Hilfe oder schreit andere Dinge. Es ist ein bisschen wie im Irrenhaus. Ich bin vorerst allein im Zimmer, doch im Verlauf des zweiten Tages, bekomme ich eine Bettnachbarin, die sich den Arm gebrochen hat. Eine Alte Frau, wie ich später erfahre, ist sie 91.
Sie redet vor sich hin. Anfangs denke ich noch, sie redet mit mir. Dann merke ich, sie führt Zwiegespräche, wobei der Andere nicht da ist. Aber es ist immer jemand konkreter. Der Walter, oder die Ingrid. Es hört sich so an, wie wenn jemand telefoniert – man hört die Antworten, ohne die Fragen, oder Kommentare auf nicht gehörte Sätze. Aber es ist nicht sinnlos. Irgendwie machen die Dialoge einen abstrusen Sinn. Ich kann Teile davon mit Musik überbrücken; mein Kopfhörer schirmen relativ gut ab. Bis ich nicht mehr weiß, was ich hören soll, ich der Musik überdrüssig geworden bin und mich nur noch nach Stille sehne. Es wird Abend, es wird Nacht. Ich hoffe auf den Schlaf. Doch die Frau schläft nicht und sie wird es die ganze Nacht nicht tun. Sie durchlebt so etwas wie eine durchzechte Nacht in Wiens Caféhäusern und Bars. – Und nimmt mich mit, ohne dass ich es will. In meinem übermüdeten, in den Schlaf abschweifenden Hirn, baut sich die Umgebung passend zu den Dialogen auf. Immer wieder sagt sie Dinge wie, „Jetzt ist aber wirklich Schluss, meine Herren, die Damen sind schon bitterböse.“ Wenn ich nicht so entnervt und müde wäre, wäre das alles lustig und höchst interessant. Sie arbeitet sich an alten Beziehungen und sogar Affären ab. Sie versucht aber auch mehrmals aufzustehen, um etwas zu holen, greift immer wieder nach nicht vorhanden Dingen. Es ist als würde sie in einem Traum leben. Irgendwann denke ich mir, ob sie nicht wohl schläft und schlafwandelt. Ich muss mehrmals die Pfleger rufen, damit sie sich um die Frau kümmern, sie wieder hinlegen, ihr auf die Toilette helfen. Ich schlafe immer nur maximal zwei Stunden am Stück und auch dann nur halb.
Als der Morgen anbricht, habe ich das Gefühl ebenfalls verrückt zu werden. Das ständige Gerede im Hintergrund bringt mich in einen Zustand, als würde ich selbst schon halluzinieren; das wird wahrscheinlich vom Schlafentzug verstärkt. Ich bin müde und gereizt und will nach Hause. Ich merke, dass ich Halsweh bekomme und dass die Klimaanlage auf mich herunter bläst. Jedes Mal wenn ich vom Klo zurückkomme, nehme ich wahr, wie kalt es über meinem Bett eigentlich ist. Ich hoffe nur noch auf das versprochene Röntgen und dass ich bald nach Hause darf. Den Arzt hab ich seit dem Morgen vom Vortag nicht mehr gesehen. Infos bekomme ich nur spärlich auf Anfrage.
Ja, ich hatte auch Besuch in den zwei Tagen. Drei liebe FreundInnen haben mich abwechselnd besucht, einer hat mir ein paar Sachen von zuhause mitgebracht, die anderen mich mit Knabbereien und Lesestoff eingedeckt.
Insgesamt war die Erfahrung trotzdem eine, die kein gutes Licht auf das Krankenhaus wirft. Oder Krankenhäuser im Allgemeinen.
Patienten, die vor sich hin schreien, ärztliche Visiten alle 24 Stunden, unfreundliches Personal, die einem wie einen Unmündigen behandelt, im besten Falle, wie ein Kind. Ich habe von der Klimaanlage eine der ärgsten Erkältungen bekommen, die ich jemals hatte; verschlagene Ohren, verstopfter Nase und Nebenhöhlen, verschleimter Hals, höllische Kopfschmerzen. Die meiste Zeit wird man ignoriert. Die Therapie bestand in der Gabe von Schmerzmitteln.
Ich habe in den letzten Tagen nachgedacht. Zufällig ist in meiner „Timeline“ auf Facebook eine Meldung aufgetaucht, eine 37 jährige Frau sei in Deutschland neulich an Masern gestorben. Daraufhin ein Shitstorm gegen die „Impfgegner“ oder -kritiker. Die seien daran schuld.
Ich weiß nicht woran diese Frau gestorben ist, aber wenn die Krankenhäuser dort genauso sind wie in Österreich, könnte sie ebenso gut an eine durch die Klimatisierung ausgelöste Komplikation nach einer Erkältung oder sonst einer Krankheit gestorben sein. Oder an den Antibiotika resistenten Bakterien, von denen man immer hört. Es gibt viele Möglichkeiten im Krankenhaus zu sterben, glaube ich – die Frage ist, ob man an der Ursprungserkrankung stirbt.
Ein anderer Gedanke ist, dass all die komplizierte Technik und Diagnostik-Methoden, einen guten Arzt nicht nur nicht ersetzen kann, sondern wahrscheinlich auch abträglich ist. In meinem Fall (und ja, ich hatte Glück), wäre die gebrochene Rippen durch Anschauen des Rückens und abtasten leicht feststellbar gewesen. Ich kann die Rippe immer noch durch die Haut fühlen, wie sie hin und her hüpft; wenn ich das kann, kann das ein Arzt leicht. Die Lungenfunktion wäre durch wiederholtes Abhören und ständige Kontrolle der Lunge ebenso leicht überprüfbar gewesen. Ein Stethoskop genügt. Was wahrscheinlich auch besser wäre, als mir alle 36 Stunden ein Röntgen zu machen, dazwischen hätte ich längs ersticken können, auf meine Rufen hätte vielleicht niemand reagiert, weil eh alle ständig schreien. Eine Präsenz des Arztes wäre besser gewesen und auch die Anwesenheit von Krankenschwestern, denen wirklich was an einem liegt. Alles andere hat der Krankenhausaufenthalt nur verschlimmert.
Ich will nicht undankbar sein. Ich bin froh so schnell untersucht worden zu sein und vor allem keine tragischen Frakturen oder inneren Verletzungen, sowie Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule davongetragen zu haben. Aber alles in Allem, man könnte so viel mehr mit weniger Tamtam und mehr Personal erreichen! Und ich kann alle Menschen verstehen, die sich weigern in ein Krankenhaus zu gehen. Mehr denn je.
Nach 3 Tagen zuhause geht es mir besser. Die Erkältung hält sich hartnäckig, es sind abwechselnd verschiedene Teile meiner Nasennebenhöhlen verstopft, meine Ohren verschlagen, oder auch wieder nicht. Doch meine Rippe erlaubt mir bereits mich zu schnäuzen, was am 1.Tag zuhause nicht annähernd möglich war, und mich dazu zwang, wie ein Kleinkind mit ständig tropfender, voll gerotzter Nase herumzulaufen. Das Schlafen war dementsprechend schwer.
Ich habe gute FreundInnen und NachbarInnen, die mir aushelfen – mit dem Hund spazieren gehen, oder mir anbieten für mich einkaufen zu gehen. Es beweist auch, dass eine Großstadt nicht nur anonym ist, sondern auch sehr sozial. Sie ist so anonym, wie man sie braucht oder will, aber sie kann auch viel Menschlichkeit anbieten. Ich fühle mich gut aufgehoben und bin zuversichtlich. Durch den Rippenbruch habe ich auch wieder viel gelernt. Dass es Menschen gibt, die einfach so ihre Hilfe anbieten, selbstlos, ohne etwas davon zu haben. Dass der Körper ein unglaubliches Wunderwerk ist, mit bemerkenswerten Selbstheilungskräften. Dass es das Wichtigste ist zusammenzuhalten – gute Freunde zu haben, sich gegenseitig zu helfen, einfach den Personen um sich zu helfen. Diese Lektion kommt immer wieder an erster Stelle.