Wie mich lernen glücklich macht

Jetzt sind gute 6 Wochen vergangen, seitdem ich mein neues Studium angefangen habe – Vergleichende Literaturwissenschaft – und damit gleichzeitig beschlossen habe die zweite Hälfte meiner kostbaren  „Auszeit“ nicht mehr dem Reisen oder gar dem schlafen und ausgehen zu widmen, sondern dem Studieren, also im Prinzip dem Lernen, der Aneignung von neuem Wissen. Ich war immer schon eine „Streberin“, ich würde sagen, nicht im richtigen Wortsinne – ich habe nicht gestrebert – aber begierig nach Wissen war ich schon immer. Endlos neugierig – es gibt fast nichts, was ich nicht unbedingt wissen und ergründen will. Doch so weitläufig mein Wissensdurst auch ist, er ist manchmal relativ oberflächlich. Meine Interessen springen wie Affen von Baum zu Baum, lassen sich nirgends lange nieder. Langeweile und Wiederholung ist für mich eine Qual. Deshalb ist an dieser Stelle die Frage interessant – wie gefällt mir mein neues Studium?
Ich kann nur sagen, das einzige, das ich bereue, ist, nicht früher damit angefangen zu haben. Es ist die pure Inspiration, purer Genuss, pure Wissensdurstlöschung. Ich sitze in den Vorlesungen, wie ein Kind vor einem Handpuppenspiel oder einem Zeichentrickfilm. Habt ihr schon einmal, die gespannten Gesichter dieser Kinder betrachtet, wie ihre kleine Mimik unmerklich zuckt und wie sie mit der Geschichte mitleben? Wie sie völlig darin aufgehen zuzuhören und dem Geschehen zu folgen? So komme ich mir vor – in 90 Prozent der Fälle.
Ich höre von alten Griechen und ihren Abenteuern (Odysseus), von weisen Männern (angefangen bei Platon und über diverse Philosophen bis, aktuell in der Vorlesung, Freud) und leider zu wenigen weisen Frauen (z.B. Virginia Woolf), kann an ihren Gedanken teilhaben und mir wiederum meine eigene Gedanken über Themen machen, die heute genauso relevant sind, wie vor zig, hunderten oder gar tausenden von Jahren. Ich gehe einfach in die Vorlesungen, setze mich hin, kritzele viele Seiten mit meiner mitunter fast unleserlichen Handschrift voll und gehe anschließend, nach ein einhalb Stunden durstiger Aufnahme jeglichen Tropfens Information mit schwirrendem Kopf, fast betrunken vor neuen Ideen und Vorstellungen wieder aus dem Saal. Meist schwinge ich mich dann auf mein Rad und fahre bibbernd aber glücklich die vier einhalb Kilometer wieder nach Hause.
Ich liebe dieses neue Leben und die Tage haben den einzigen Nachteil zu kurz zu sein, dass ich auch noch ausgiebig mit dem Hund gehen kann, mir etwas leckeres kochen kann und abends vielleicht auch noch mit Freundinnen und Freunden auf ein oder mehrere Getränke zu gehen.
Das ist also mein neues Studium und ich kann jeder und jedem nur empfehlen, macht das, wonach ihr euch sehnt. Investiert eure kostbare Zeit in das, was euch erfüllt und sei es auch Jahrhunderte alte Theorien zu hören, so wie ich. Es macht einfach glücklich.

Reise durch den Alltag

Eigentlich sollte man seinen Alltag so planen, wie eine Reise. Wenn man auf Reisen ist, vor allem dann, wenn man (nahezu) jeden Tag weiterreist, wie ich mit dem Fahrrad, ist man gezwungen, sich ständig Gedanken zu machen: über die Route, die Übernachtung, ob man jemanden besucht, was man sich in der nächsten Stadt anschauen wird etc. Dadurch wird es nie langweilig. Es gibt keinen Alltag. Denn jeder Tag ist anders. Jeder Tag hat etwas Neues zu bieten.

Wenn man jedoch zuhause ist, hat man den Alltag: Die Tage habe meist eine Struktur, die man schon vor längerer Zeit festgelegt hat. Sie hat sich eingefahren, sagt man machmal. Oft hat sie sich einfach so ergeben, ohne dass man es groß geplant hätte. Meistens sind die Tage dadurch schon vorstrukturiert, dass man einer Arbeit nachgeht. Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit. Man muss ins Büro oder so. Die Zeit davor und danach, kann man ein bisschen frei gestalten. Je nachdem, wie viel Freizeit bleibt und ob nicht auch diese mit Fixterminen belegt ist – Fitnesskurse oder andere Kurse, Weiterbildungen…

Diese Ausnahme, wie ich sie gerade habe, gibt es selten: Ich bin zuhause und hab doch nichts fixes vor. Nichts, was meinen Alltag strukturiert. Und in diesen Situationen läuft man Gefahr, dem Alltag freie Hand zu lassen. Man lässt sich treiben (was natürlich manchmal gut sein kann), vergisst, dass doch jeder Tag das Potential hätte ziemlich einmalig zu sein. Ich muss mich daran erinnern, dass ich meine „Reise durch den Alltag“ genau so aufmerksam planen könnte, wie ein eine Reise über Felder und Wiesen, durch Wälder und Städte und dass ich zuhause, genau so wie unterwegs, jeden Tag etwas neues erleben könnte – wenn ich dies einplane.

Ich will es versuchen. Doch vielleicht ist diese Reise durch den Alltag sogar schwieriger als die andere, die „normale“ Reise.

Das Bild zeigt das Schaufenster eines Weinlokals in Brügge.

Scheiß auf die Trends

Es ist alles ein verdammter Trend. Alles.

Bio-Produkte, ökologisch leben, Fair-Trade, Fahrradfahren, ja Reisen, sowieso, Nachhaltigkeit… Sogar Ernährungsgewohnheiten. Viel Fleisch, kein Fleisch, Vegetarier, Veganer, Glutenfrei (oftmals, nicht immer), ohne Zucker, bla. bla. Die Art der Kindererziehung. Alles.

Es nervt mich manchmal. Oft. Warum kann man nicht einfach etwas so machen, wie man wirklich glaubt, dass es richtig ist? Ohne diesen ganzen Trend drum-herum.

Kann man sich vor Trends überhaupt selbst schützen? Kann man überhaupt ausschließen, dass man selbst etwas macht, nur weil es zum Trend geworden ist?

Habe ich die Reise unternommen, weil ich das Gefühl hatte, Reisen, das muss toll sein – jeder macht es, jeder sagt, es wäre toll, es muss toll sein – mach’ ich es auch? Manchmal kommt es mir so vor. Vielleicht war das der Grund. Vielleicht wäre ich auch sonst gerne gereist. Verdammt, ich kann es nicht mehr auseinander halten!

Reisen ist auch toll. Aber es ist zum Beispiel nicht unbedingt für mich gut, über längere Zeit zu reisen. Und alleine Reisen wird auch oft als besonders gut für die „Selbsterkenntnis“ angepriesen. Für manche vielleicht. Ich habe nicht unbedingt unglaubliche Dinge über mich erfahren. Außer vielleicht, dass ich Reisen nicht so toll finde, wie andere. Und dass sich immer etwas ergibt, dass man sich immer auf sich selbst verlassen können sollte. Aber das wusste ich irgendwie schon vorher.

Ist also alles ein verdammter Trend?
Vorsatz an mich selbst: Bewusst auf Trends scheißen.

Nachtrag, nachdem ich diesen Text gestern geschrieben habe und alles jeden Tag in neuem Licht erscheint: Die Reise hat mich nicht weiser gemacht, hat nichts zutage gebracht, das ich nicht irgendwie schon vorher wusste. Aber sie hat einiges klarer gemacht. Manches hat sich besser herauskristalisiert, was ohne die Reise vielleicht nicht so klar in Erscheinung getreten wäre. Vielleicht mehr dazu, ein andermal.

Wie man die Erfüllung im Leben findet

Heute habe ich wieder eine dieser E-Mails bekommen, einen Newsletter, den ich einmal abonniert habe, einen der vielen Newsletter, die Werbung für einen Kurs/ Onlinekurs/ Seminar/ Retreat etc. machen, wo man lernen kann „wie man davon lebt, das zu tun, was man liebt im Leben“. Aus Interesse, weil es mich wohl irgendwie tangiert, irgendwo eine Saite klingen lässt, habe ich über die letzten paar Jahre mehrere dieser Homepages besucht und diverse Newsletter abonniert. Doch besonders in den letzten paar Monaten fällt mir verstärkt auf: das Internet ist voll damit. Voll von Leuten, die darin ihre „Nische“ gefunden haben, anderen Leuten beizubringen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Und der Markt dafür ist offenbar da, denn nicht wenige Menschen leben ganz gut von dieser Idee. „Wie erstelle ich einen erfolgreichen Blog?“ „Wie baue ich ein erfolgreiches Onlinebusiness auf?“ „Wie kann auch ich zum digitalen Nomaden werden und von überall aus arbeiten?“ – das ganze verdammte Internet ist voll damit. Die Bücher darüber verkaufen sich wohl auch wie warme Semmeln (wie man in Österreich so schön sagt) und die Online-Kurse werden für mehrere Hundert Euro angeboten. Alles unter 180 € gilt da schon als „Schnäppchen“. Ich könnte einige Beispiele solcher Seiten nennen, doch ich erspare mir das jetzt. Wen’s interessiert, kann ja googeln.

Ich bezweifele nicht grundsätzlich die ehrlichen Absichten solcher Angebote, doch inzwischen denke ich mir immer wieder, „da ist doch der Wurm drinnen“. Denn es kann ja am Ende nicht jeder, so wie diese Anbieter, die ja meistens ihre Tätigkeit als „Berater“ als Haupterfolg aufzuweisen haben, wiederum Berater werden, um wiederum andere zu beraten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.

Und warum ist der Markt dafür überhaupt da? Warum gibt es so verdammt viele Menschen, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen? Es sind bei weitem nicht nur Menschen um die 30. Es sind nicht wenige dabei, die ein finanziell erfolgreiches Leben aufweisen können, die Ehen, Kinder, Häuser, Autos, Boote und weiß der Kuckuck, was noch alles, vorzuweisen haben. Und dann gehen sie auf eines dieser Seminare in ein Luxushotel für leicht mehrere Tausend Euro (für eine Woche) um von anderen „erfolgreichen“ Leuten zu lernen, wie sie endlich das finden, was sie glücklich macht. Manchmal denke ich mir es ist lächerlich. Es ist wirklich so lachhaft, dass wir alle immer noch so verzweifelt nach dem Sinn des Lebens suchen. Nach Erfüllung. Und anstatt es einfach selbst so zu machen, wie man glaubt, dass es richtig ist, glaubt man, man muss Kurse kaufen, Seminare buchen, Geld ausgeben. Mehr. Mehr. Ist das nicht schon wieder das, wovon man eigentlich weg will?

Eines dieser Seminarangebote lautet „Do What You Love Retreat“. Und es kostet regulär 990 €, nur der Kurs, plus Unterkunft für eine Woche, plus An- und Abreise, plus Mahlzeiten. Bezahlt wird das Ganze dann mit „Do What I Hate“-Money, oder was? Klar, es liegt mir nicht einmal ganz fern, an so etwas teilzunehmen. Ich kenne die zwei, die das Seminar halten und denke gar nicht schlecht über beide. Doch trotzdem – knappe 2000 € aus Geld, das man ja mit etwas erwirtschaftet hat, das man gar nicht gern gemacht hat (sonst wäre ja die Teilnahme an so einem Kurs ja überflüssig, versteht sich von selbst). Das ist dann schon etwas viel.

Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob ich den Anbietern dieser „Dienste“ das ganze überhaupt glauben soll. Sind sie wirklich so viel glücklicher, als andere? Oder ist das nicht einfach nur ihr Business, das ganze so darzustellen? Denn wenn sie nicht wesentlich glücklicher wären, hätten sie ja nichts anzubieten, was man von ihnen lernen könnte. Oder sie könnten es zumindest nicht so anpreisen. Klar, jeder hat etwas zu bieten – von jedem kann man etwas lernen, aber ein echtes Business wäre es vielleicht nicht mehr.

Wahrscheinlich ist die Antwort einfach zu simpel, um sie zu glauben. Wenn man machen will, was man liebt, sollte man einfach damit beginnen, mehr von dem zu machen, was man mag und weniger von dem, was man nicht mag. Aber dafür kann man nicht 1000 € verlangen…

Oder ist das alles ein verdammter TREND?