Brügge und Heimweh

Brügge – mein großes Ziel. Mein Etappenziel, jedenfalls. Ich habe es vorgestern am frühen Nachmittag erreicht. Und wie war Brügge? Ich kann mich gar nicht dazu entschließen, darüber zu schreiben weil ich seit kurzem so unglaubliches Heimweh habe.

Gestern Abend, als ich gerade dabei war auf einer gekiesten Einfahrt Unkraut zu rupfen, war es soweit. Ich habe es mir eingestanden: Mein Heimweh ist unübersehbar geworden. Schon seit Tagen regt sich etwas in mir und ich kämpfe damit. Ich wollte eigentlich nicht so schnell nach hause. Aber ich vermisse alles. Meine Freunde, meine Familie, meinen Hund, meine Wohnung, ja auch Wien – meine gewohnte Umgebung. Wenn ich an all dies denke, steigen mir schon wieder unvermittelt Tränen hoch. Ich kann es nicht mehr wegschieben – vielleicht bin ich einfach nicht der Typ für so lange Trips. Es war schön, aber es war. Ich mag jetzt wieder nach Hause.

Warum rupfe ich Unkraut? Ich bin gestern Nachmittag auf einem Pferdehof in der Nähe von Veurne angekommen. Hier will ich eine Woche bleiben und gegen Mahlzeit und Unterkunft überall mithelfen.

Und nun zu Brügge: Ja, sie ist schön, diese Stadt. Gestern bin ich auf den Turm gestiegen. Er hat ein Glockenspiel, ähnlich einer Musikbox, nur in riesig. Zu jeder viertel Stunde spielen die Glocken des Turms eine Melodie.

Die Flüsse und Kanäle sind romantisch, besonders wenn die Schwäne darin vorbeigleiten. Das wissen auch die Hoteliers, die ihre anliegenden Luxusunterkünfte Le Swan und sowas nennen.

Die Häuser sind wunderschön – die meisten in gotischem Stil, viele mit diesen für diese Region typischen, getreppten Giebeln. Und wenn man mal abseits der Hauptrouten geht, wo man teilweise fast gar keine Menschen antrifft, kann man so richtig diese besondere Atmosphäre genießen, wo man sich ein bisschen in der Zeit zurückversetzt fühlt. Wo die Stille nicht Einsamkeit bedeutet, sondern lang ersehnte Ruhe.

Man könnte sich den ganzen Tag mit Schokolade in allen Formen vollstopfen, denn sie wird alle paar Meter in unglaublich ansprechenden Geschäften angeboten. Besonders an den Pralinen kann ich mich gar nicht sattsehen und sattessen. Als ich des Nachts durch das romantisch beleuchtete Brügge spazierte (man muss Brügge doch mal unbedingt bei Nacht sehen), habe ich mir als Trost, dass ich mir das jetzt alleine antun muss, ein Säckchen mit Pralinen gekauft und so lange davon gegessen bis mir schlecht wurde. Ein bisschen Trost haben sie gespendet.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Vielleicht ist einfach meine magische Grenze ein Monat. Aber ich kann nur mehr weniges genießen. Ich muss immerzu an zuhause denken. Ich mache mir selbst schon Vorwürfe deswegen, aber ich sollte es einfach sein lassen, „Schei* drauf“ sagen und heim fahren. Es ist, wie es ist.

Seit heute bin ich dabei meine Reise nach Hause zu planen. Es ist gar nicht so einfach, weil man in den ICEs z.B. keine Fahrräder mitnehmen kann. Aber ich bin nah dran doch noch was zu organisieren…

PS: Da das Internet hier so unglaublich langsam ist, kann ich die Bilder erst später nachreichen.

Gedanken in Brüssel

Während ich hier durch das verregnete und graue Brüssel schlendere, in Auslagen voller Bonbons, Pralinen und andere kunstvolle Süßspeisen schaue, die Häuserfassaden bestaune, oder auch schon mal über die eine oder andere Hässlichkeit den Kopf schüttle, driften meine Gedanken manchmal weg. Mir fallen zum Beispiel immer wieder Situationen aus meinen Begegnungen und Gesprächen von der Reise ein – deshalb möchte ich diesen Eintrag über eben diese Begegnungen machen. So viele neue Orte, Plätze, Gebäude und Denkmäler man auch sieht, am Ende sind die Menschen, die Begegnungen gleichsam die Würze, die das Reisen so besonders machen. Ohne sie wäre meine Reise wie ein Gericht ohne Salz und ohne Gewürze.

Hier in Brüssel wohne ich bei einer Bekanntschaft, die ich während der Reise gemacht habe. Wie ich damals geschrieben habe, hat es sich in Würzburg ergeben, dass ich bei dem Warmshowers-Gastgeber eine Frau, ca. in meinem Alter, kennengelernt habe, die quasi den gleichen Weg hatte wie ich. Ebenfalls mit dem Fahrrad, fuhr sie nach Brüssel zu ihrem Freund. Sie allerdings etwas schneller als ich – mit einem Rennrad. Trotzdem haben wir uns 2 Tage lang den Weg „geteilt“ und fuhren oft nebeneinander, oft hintereinander, plaudernd oder schweigend. Dora trainiert für den Triatlon und ihr Freund baut Rennräder zusammen, als Hobby. Denn eigentlich arbeitet er in Brüssel im IT-Bereich. Sie fuhr den Weg von Budapest nach Brüssel in 13 Tagen und kam fast eine Woche vor mir hier an. Ich machte derweil in Frankfurt, Mainz und Aachen längere Zwischenstopps. Bevor sich unsere Wege trennten, sagte sie mir, ich sollte mich unbedingt bei ihrem Freund melden, wenn ich in Brüssel ankomme. Er würde sich sicher freuen, mein Gastgeber zu sein. Und so lernte ich Tamas kennen. Doch dazwischen sollten noch 8 Tage vergehen, in denen ich auch wieder einige Begegnungen hatte.

Auf dem armseligsten Campingplatz bisher, den ich an jenem Tag aufgesucht habe, als sich Doras und meine Wege trennten, mit schäbigen WCs und ebensolchen Duschen, ohne erkennbare Rezeption, voll mit Wohnmobilen, die dort schon Ewigkeiten zugebracht zu haben schienen, stand gegenüber meines Zeltplatzes ein alter Wohnwagen. Aus der zur Hälfte offenen Tür (untere Hälfte geschlossen, obere Hälfte offen) ragten zwei Hundeköpfe. Einer gehörte einer riesigen Deutschen Dogge, der andere einem sehr viel kleineren Hund, wohl ein Parson Terrier. Und beide „wohnten“ gemeinsam mit einem „älteren“ Herrn in dem Wohnwagen.
Kurze Zeit nachdem ich mein Zelt aufgebaut hatte und es mir gerade darin gemütlich machen wollte, war „Gassi-Zeit“. Der Herr leinte seine Hunde an, stieg aus dem Wohnwagen und machte sich in Richtung Campingplatz-Ausgang auf dem Weg. Ich hielt ihn noch kurz auf und kam mit ihm ins Gespräch. Er redete nur kurz mit mir und meinte, seine Hunde „müssten jetzt mal“, aber er kam zurück und wir unterhielten uns noch ausgiebiger. Er erzählte mir, dass er einmal reich gewesen war. Er hätte ein großes Unternehmen gehabt, hat allen seinen sechs Kindern eine gute Ausbildung und zum „Abi“ ein Auto finanziert, doch als seine Ehe zerbrochen ist, wollte er von allem nichts mehr wissen. Er hat alles verkauft und wohne jetzt hier, nur wenige Kilometer südlich von Frankfurt auf dem Campingplatz. Und dann sagte er: „Was braucht man schon zum Leben? Wenn Sie so reisen mit dem Fahrrad, den paar Taschen und dem Zelt – was brauchen Sie zum Leben?“. Ich sagte, „Naja, man freut sich eben über die einfachen Dinge, ein warmes Essen, ein warmes Bett, eine Dusche…“. „Eben“, antwortete er, „Ich brauch’ nicht mehr als das hier.“ Dann unterhielten wir uns noch ein wenig über Hunde, aber seine eindringliche Frage behielt ich in Erinnerung.

Irgendwo, war es vorher oder nachher gewesen, das weiß ich nicht mehr, hielt ich mal an, um meine Einkäufe beim „Edeka“ zu machen. So heißt in Deutschland eine Supermarktkette. Nachdem ich meine Brötchen, Käse und Tomaten gekauft habe, nahm ich draußen an ein paar aufgestellten Kaffehaustischen platz, die nicht weiter bedient wurden, um meine „Jause“ zu essen. Ich hatte dort noch nicht lange gesessen, als eine Frau neben mir stehen blieb. Sie stellte die üblichen Fragen, woher ich käme und wohin ich führe und erzählte dann von ihren eigenen Reisen. Wie sie, ebenfalls mit dem Fahrrad, Schottland bereist hatte, als sie noch jünger war. Sie sagte „aus dieser Zeit stammen meine schönsten Erinnerungen“. Danach schwärmte sie noch von anderen Reisen und erzählte, dass ihre Tochter mit deren Hund vor wohl nicht allzu langer Zeit eine Woche „Urlaub“ in Finnland gemacht hatte, wo sie in einem komplett menschenleeren Gebiet eine Woche gewandert wäre. Dabei schüttelte sie den Kopf, als würde sie sagen wollen, das hätte ihr dann doch Sorgen bereitet, das müsste ja wohl nicht sein. Aber ein bisschen stolz war sie schon auf die Tochter. Aus ihren Aufzählungen konnte ich erkennen, dass sie ebenfalls schon einiges von der Welt gesehen hatte. Sie wirkte sehr zufrieden. In dem Moment fragte ich mich, ob wohl die Deutschen mehr mit dem Fahrrad verreisen, als andere, oder ob das jetzt nur Zufall ist, weil mich eben als Fahrrad Fahrerin mehr die Leute ansprechen, die selbst Fahrrad fahren.

In Aachen habe ich bei einem Herrn gewohnt, er war wohl um die 60, den mir meine Gastgeberin aus Nürnberg vermittelt hat – er ist ihr Schwager. Auch er hat den Großteil der Welt bereist, die Länder der ehemaligen UDSSR, Asien, Japan, Australien, Neuseeland, Europa sowieso – ich habe mir gar nicht alles gemerkt. Oft reist er – manchmal gemeinsam mit seiner Frau – Monate lang am Stück. Das kann er machen, weil er alle zwei Jahre ein Sabbatical Jahr nimmt. Er beantragt die Sabbaticals seitdem er erfahren hat, dass das nun auch in seinem Beruf als Richter möglich ist. Seine „Sammlung“ von Karten und Reiseführern ist dementsprechend beeindruckend, wie ich „im Vorbeigehen“ bemerkt habe. Er weiß natürlich auch einiges zu erzählen. Das war sehr unterhaltend und interessant. Eindrucksvoll waren seine Schilderungen von der Reise entlang der Seidenstraße und der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Da kann man neidisch werden. Er hat außerdem auch noch früh angefangen – zum ersten Mal ist er mit 15 per Anhalter quer durch Europa (ich glaube von irgendwo in Bayern bis nach Paris) gereist. Er meinte, seine Mutter wurde blaß, als er eröffnet hat, er wolle jetzt alleine weiterreisen – das war auf der Rückfahrt von einem gemeinsamen Familienurlaub. Was für ein Mut! Er hat mir schließlich auch noch mehr Mut zugesprochen und meinte: Mach deine Reise – sie wird eines der tollsten Dinge, die du je gemacht hast. Du wirst immer dafür dankbar sein.

Und schließlich Brüssel. Tamas, Doras Freund, ist ebenfalls, wie Dora, circa in meinem Alter. Wie so viele Leute in unserer Generation stellt er sich die selben Fragen: Macht Geld glücklich? Wenn ja, wie stellt man es an, dass es glücklich macht? Was soll man mit seinem Geld machen? Er ist hier, in Brüssel, weil er eine Stelle hat, wo er ungewöhnlich viel Geld verdient. Noch ein Jahr, dann hat er genug Geld gespart. Genug wofür? Das weiß er selbst noch nicht genau. Jedenfalls eine größere Summe. Er ist in dieser Situation nicht alleine. Viele seine Kollegen, wenn nicht alle, machen den Job hauptsächlich, oder nur des Geldes wegen. Sie haben kaum Freizeit, nehmen am Leben hier in Brüssel kaum Teil, sind aus ganz Europa und fahren dementsprechend, wenn sie ein bisschen mehr Freizeit haben, zurück zu ihren Familien, ihren Lieben. Sie sind hier in Brüssel meistens nicht wirklich glücklich. Nur damit, dass sie gut verdienen, aber sonst gibt es nicht viel, außer der Arbeit und einem After-Work-Bier von Zeit zu Zeit. Was macht ein erfülltes Leben aus? Welche Rolle spielt dabei der Job und das Geld? Darüber haben wir uns viel unterhalten. Ich habe auch nicht wirklich die Antworten. Auf eine Sache konnten wir uns aber schnell einigen: Man kann erst seine Schlüsse ziehen, wenn man es selbst probiert und erlebt hat.

In meinen bisherigen Gesprächen, egal mit wem und auf welcher Ebene, kann ich trotzdem immer wieder feststellen: Es dreht sich immer nur um eins: Was macht glücklich? Wie lebe ich ein erfülltes Leben? Selbst die Leute, die es so nicht ansprechen: Wenn man die Dinge herunter bricht, kommt man meist wieder darauf…

Im Übrigen war Brüssel kalt und verregnet. Es hat auch seine schönen Ecken, auch wenn die Leute sagen, Belgier selbst wären keine mehr in der Stadt… Aber das ist eine andere Geschichte.

Was ich heute gelernt habe

Ich bin heute um kurz vor 9 von Ehingen am Ries losgestartet. Es geht und ging richtung Nürnberg. Dort will ich einen Tag verbringen, um mir die Stadt ein bisschen anzuschauen, dann geht es weiter. Ich will diesmal bis nach Belgien kommen und dann durch Belgien, durch Flandern genauer gesagt, bis nach Brügge. Das ist meine nächste Station.

Am Anfang ging es gut, heute. Die ersten paar Kilometer dachte ich daran, ob ich wohl etwas am Bauernhof vergessen habe, und daran, ob ich Peter überhaupt eine E-Mail Adresse oder Tel.Nr. hinterlassen habe. Mir gingen noch einmal einzelne Situationen und Gespräche durch den Kopf, während die Landschaft an mir vorbeizog. Den Weg bis Gunzenhausen kannte ich ja praktisch schon, nur in umgekehrter Richtung vom Hinfahren. Trotzdem musste ich immer wieder anhalten, um auf die Karte oder aufs Handy zu sehen, ob ich richtig fahre. Es gibt viele Radwege in Deutschalnd, doch manchmal hören sie plötzlich bei der Straße auf und man weiß nicht, wie es weitergeht. Auf der Straße? Oder geht der Radweg woanders weiter?

Nach Gunzenhausen radelte ich Richtung Brombachsee weiter. Auch diese Route war größtenteils gut beschriftet und ich fand den Weg relativ leicht. Doch dann begannen die Herausforderungen. Am wunderschönen Ufer des Brombachsees verlor ich mich im Gewirr der Uferradwege und Zugänge zu verschiedenen Touristenpunkten, wie Campingplätzen, Restaurants oder Zugängen zu Badeplätzen. Alles war für Radfahrer und Fußgänger, doch wo die Route entlangging, die weiterführt, war für mich nicht ersichtlich. Immer wieder vor und zurück. Mir wurde plötzlich bewusst, wie absurd es war: Alle entspannten und machten Urlaub am Badesee, doch ich konnte nicht einmal den schönen Ausblick auf den See genießen, weil ich den Weg nicht fand.

Schlußendlich nahm ich versehentlich auch noch die Route, die ich eigentlich nicht nehmen wollte (aus zwei Optionen die falsche gewählt) und beließ es dabei, weil ich noch einmal zurückfahren wollte. Diese Route wollte ich ursprünglich meiden, weil sie mehrere starke Steigungen beinhaltete, doch nur war ich auf dem Weg. Irgendwie wurschtelte ich herum, verlor den Weg und nahm eine „Abkürzung“ über einen Feldweg, der die letzten 500 m pure, niedergetretene Wiese war. Es war auch noch steil, ich führ im Schneckentempo, brauchte aber alle Kraft, die ich hatte. Über mir machte ein Flugzeug Kunstflugübungen, aber nicht einmal das konnte mich aufmutern. Ich hatte eher Angst, dass er abstürzt und auf mich drauffällt.

Ich war fix und fertig, als ich vom Feldweg wieder auf einen Radweg kam, den man auch als solchen bezeichnen kann. Ich fluchte vor mich hin und fragte mich laut warum ich das eigentlich mache. Doch dann ging es weiter und ich war noch gar nicht vollkommen ok, als ich dann doch noch belohnt wurde: vor mir auf dem Radweg (menschenleer und verlassen) spielten zwei kleine Wiesel miteinander „fangen“. Sie waren viel kleiner als Katzen, hatten einen dunkelbraunen Rücken und weiße Bäuche. Ich habe solche Tiere noch nie in freier Wildbahn gesehen und freute mich!

Wieder erinnerte ich mich daran, dass doch der Weg das Ziel ist und es egal ist, ob ich schnell bin, oder langsam.

Bei einer Abzweigung, kurz vor Brombachsee, hatte ich beim Kartenlesen versehentlich meinen Tageskilometerzähler am Tacho zurückgestellt auf Null. Das passiert bei langem Druck auf die Taste – ich musste mich ohne es zu merken darauf gestützt haben. Ich war untröstlich ob der „verlorenen“ Kilometer. Ich war frustriert und wütend. Später musste ich daran denken und merkte wie lächerlich es war. Gar nichts ist verloren gegangen. Dieses Ereignis hat mich eher etwas gelehrt – ich sollte nicht so oft auf den Tacho schauen. Zu oft zieht er meinen Blick magisch auf sich und ich zähle förmlich die Kilometer mit. Doch ist das überhaupt wichtig. Ich weiß doch wie weit ich gefahren bin. Die genaue Angabe auf zwei Kommastellen interessiert doch niemanden. Wieder eine Übung im Loslassen.

Nach den Wieseln wurde ich langsam entspannter. Ich beobachtete die Landschaft, genoss die Wälder und die Häuser – es gibt entzückende kleine Orte mit Fachwerkhäusern und Steinhäusern hier in Franken.

Ab drei Uhr nachmittags machte ich mir langsam Gedanken: Sollte ich wirklich bis Nürnberg fahren? Ich könnte es schaffen, doch ich würde relativ spät und völlig erledigt ankommen. Eine Option wäre auch noch die lezten 20 km oder so den Zug zu nehmen. Ein paar mal schob ich die Entscheidung noch vor mich hin: Beim nächsten Ort; nach den nächsten 8 km. Bis ich schließlich in Roth ankam. Und da wusste ich: Hier sollte ich übernachten. Ein netter kleiner Ort, unaufgeregt, aber nicht langweilig, architektonisch durchaus interessant (ich habe mich noch nicht an den Fachwerkähusern sattgesehen), nicht zu klein und nicht zu groß.

So bin ich hier geblieben. In Roth, ca. 20 km südlich von Nürnberg. Durch die Touristeninformation habe ich ein Zimmer gefunden – in einem kleinen Ort, ca 7 km vom Zentrum entfernt. Bevor ich hingefahren bin, habe ich ein paar Runden durch das Zentrum gemacht und schließlich ein kleines Lokal in einer ruhigen Gasse mit zwei Tischen davor gefunden und ein Weißbier getrunken. Dazu Pommes, als „Unterlage“. Und da wusste ich wieder warum ich es mache: Ich habe heute so viel erlebt und das ist der perfekte Ausklang. Entspannt, ohne Stress, einfach die Atmosphäre genießen, ein bisschen mit der Besitzerin plaudern und mit den anderen Gästen (drei ingsgesamt, alle Stammgäste).

Ich bin jetzt auf einem Bauernhof, der Gästezimmer anbietet. Das Zimmer ist schön, geräumig, riesiges Bett, sauberes und neu hergerichtetes Bad. Ich darf die kleine Küche benutzen, die im Frühstücksraum integriert ist und habe mir ein Abendessen gemacht (Fertigtortellini).

Ich bin froh, nicht krampfhaft am Plan festgehalten zu haben, bis Nürnberg zu kommen. So konnte ich den Abend noch genießen und habe mit Sicherheit mehr gesehen, als wenn ich nur überall durchgehetzt wäre.

Improvisieren und locker bleiben; immer den Weg genießen. Das habe ich heute gelernt.

Morgen geht es frisch und ausgeruht weiter!

Hier habe ich einfach einige Bilder von unterwegs angefügt:

 

Abschied nehmen

Man weiß nicht, was man fühlen wird, bis man es fühlt.

Irgendwie dachte ich wohl nicht darüber nach, oder ich dachte es würde leicht werden, wahrscheinlich dachte ich jedoch einfach gar nicht daran, wie es werden würde Abschied zu nehmen. Doch jetzt ist es so weit. Immer wieder passiert es: Ich muss Abschied nehmen.

Wenn man sich plötzlich nackt fühlt ohne Wiener Linien Jahreskarte, weiß man, man ist fix Wienerin. Oder einfach schon sehr lang in Wien.
Aber Abschiede bahnen sich ihren Weg auch auf andere Weisen zu mir.

Immer wieder wenn ich mich mit jemanden treffe, heißt es zum Schluss: „Falls wir uns nicht mehr sehen, ich wünsche dir…“ Und dann fühle ich, oh shit – this is for real. Genauso als ich heute meine Wiener Linien Jahreskarte abgegeben habe. Ein kleiner Stich ins Herz.

Abschiede tun ein bisschen weh, bringen sie uns doch immer wieder vor Augen, dass die große Veränderung jetzt direkt ansteht. Was auch, sein wird, es wird nicht mehr so sein wie vorher. Und dann ist da doch diese Angst vor dem Unbekannten. Diese Angst, über die man dachte, man hätte sie nicht, man stünde da drüber. Nope. Sie ist da. Man konnte sie sich nur nicht konkret vorstellen.

Denn man weiß nicht, genau was man fühlen wird, bis man es fühlt…