Gedanken zur universitären Bildung

Die universitäre Bildung heute: Ausrichtung an den Bedürfnissen des Marktes – Kompetenz erlangen – konkurrenzfähig sein. Das sind die neuen Schlagworte. Eine universitäre Ausbildung (Bildung wurde zur Ausbildung) muss man demnach – und dieses Bild wird in der Gesellschaft durchgesetzt, ja ist schon durchgesetzt – möglichst zügig und mit einem klaren Ziel vor Augen abschließen. Am besten mit der konkreten Vorstellung, wo man eingesetzt werden kann – an welchem Ort man einen Arbeitsplatz finden wird. In diesem Sinne erlangt das universitäre Studium seine Legitimation ausschließlich durch den erfolgreichen Eintritt in den Arbeitsmarkt. Was macht das mit einer Gesellschaft?

Ich will davon schreiben, warum ich der Meinung bin, dass jede und jeder so lange studieren sollte, wie sie/er mag. Und nicht nur das, sondern ganz ohne den Druck, dass es „etwas sinnvolles“ sein soll:

Wenn man sich die Gesellschaft als (funktionierendes) System von Interdependenzen (gegenseitigen Abhängigkeiten) versteht, als eine mehr oder weniger gut geölte Maschine, und sich selbst als ein Zahnrad – oder von mir aus Keilriemen/ Kette – darin, dann wird die auf die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt ausgelegte Universität, ebenfalls zu einem Rad in diesem Getriebe. Es wird Tendenzen (und nehmen wir mal an es gäbe genauso viele positive wie negative) verstärken und weitertragen. Von einem Jahr auf das nächste, aus einer Generation in die nächste.

Soll die Universität diese Aufgabe übernehmen? Und wenn ja, ist es gut, dass sie ausschließlich diese Aufgabe übernimmt?

Reisen in Zügen

Ich sitze im Zug Bologna – Verona einer Argentinierin und einem Argentinier gegenüber, einem Paar. Sie trinkend schlürfend Mate Tee aus einem dieser Gefäße mit Stahl-„Strohhalm“. Aus irgendeinem Grund ekeln sie mich an, obwohl sie wie ganz normale Menschen aussehen, weder verwahrlost noch auf eine andere Weise grauslich. Vielleicht ist es nur das nervtötende Mate Schlürfgeräusch. Der Behälter muss alle 10 bis 20 Sekunden nachgefüllt werden. Da ich Zeugin der Zubereitung wurde, weiß ich, dass mindestens drei große Esslöffel staubigen Tees darin gelandet sein müssen – für das Wasser bleibt nicht mehr viel Platz. Der Mann erinnert mich an jemanden. Jemand, den ich einmal mochte und dann nicht mehr. Vielleicht stammt der Ekel auch daher.
Schlürf. Wieder und wieder. Dieses eklige Geräusch. Wieder wird Wasser nachgegossen. Sie diskutieren oder streiten leise. Wie alle Paare, kommt mir vor. Gibt es noch Paare, die friedlich miteinender auskommen? Warum werde ich immer wieder damit konfrontiert? Soll ich endlich begreifen, dass in der Existenz als Teil einer Zweierbeziehung kein Glück zu finden ist?

Nächster Halt. Verona. Gelangweilt schlendere ich auch hier, wie immer, die unterirdischen Gänge des Bahnhofes entlang, wie in allen Bahnhöfen, in denen ich umsteigen musste. Die Italiener wissen bzw. wussten keine guten Bahnhöfe zu planen, die Gänge sind viel zu eng und dementsprechend gestopft voll. Die Bahsteige sind zu schmal. Bei Ankunft der Züge drängen sich die Menschen zusammen, als wäre man am Bahnhof von Neu-Delhi, wo ich auch einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte…
Dann: warten vor einem verschlossenen Zug. Zur Abfahrtszeit stehe ich mit allen anderen Reisenden immer noch am Bahnsteig vor den abgesperrten Wagons. Der Zug ist leer. Statt abzufahren, lässt er wie ein stöhnendes Ungetüm laut zischend Luft entweichen. Es passiert lange Zeit nichts. Das kann nur eines bedeuten: Verspätung. Die Menschen zünden sich erste Zigaretten an.

Letztendlich werden die Türen mit einem weiteren Zischen freigegeben. Man steigt ein. Der Grund für die Verzögerug wird keineswegs ersichtlich. Entgegen meiner Befürchtungen beim Anblick des Zuges ist dieser jedoch klimatisiert. Nicht, dass ich eine Liebhaberin von Klimaanlagen wäre, ganz im Gegenteil, aber bei über 30 Grad im Schatten in einer Blechbüchse eingesperrt zu sein ist alles andere als wünschenswert.

Klappernd setzt dieser in die Jahre gekommene Zug meine Reise fort. Ich habe, ganz anders als im letzten, viel Platz. Niemand geht mir auf die Nerven, außer ich mir selbst vielleicht. Dass ich erst eine gute Woche unterwegs bin, will mir nicht in den Sinn. Mir kommt es bereits wie mehr als zwei vor und, wie immer, wenn ich so lange fort bin von Wien, sehne ich mich dahin aus unerklärlichen Gründen mit einer starken Dringlichkeit zurück, die sich durch einen beklemmenden Druck in der Brust bemerkbar macht. Aber es sind keine zwei Wochen vergangen, bloß neun Tage. Und trotzdem….

Verona – Brixen. Die Landschaft Italiens zieht an mir vorbei. Aus den flachen Landschaften haben sich in der Zwischenzeit Berge erhoben. Es gibt Wälder und Weinreben, Dörfer mit Kirchen an Füßen von felsig aufragenden Bergen. Die Aussicht scheint idyllisch. Wie kommt es, dass hügelige Landschaft meist so viel ansprechender erscheint als flache? Zuvor hatten industrielle Anlagen, Straßen, Autobahnen, Gewerbegebiete und Meere von Folientunneln, in denen Gemüse für die hungrigen Mäuler Europas angebaut wird, die Ebenen in Beschlag genommen und verwüstet, sagen wir es, wie es ist. Nun schmiegen sich schüchterne Häuser mit flachen Ziegeldächern an die Schöße der Dolomiten. Auch die paar Ausrutscher an anonymer, gesichtsloser Architektur werden verziehen. Selbst die Staße fällt nicht weiter auf. Hier zahlt sich der Blick aus dem Zugfenster wieder aus; es war auf meiner Reise bisher nicht überall so.
Mir wird keine Sekunde lang fad, ich werde höchstens schläfrig. In kurzen Abschnitten lese ich in meinem Buch, dazwischen lege ich lange Pausen ein, um aus dem Fenster zu schauen oder diese Zeilen aufzuschreiben. Neuerdings, so scheint mir, könnte ich nahezu den ganzen Tag im Zug verbringen, ohne dass es mich weiter stören würde. Gesetzt, ich hätte genug Platz um mich und keine oder zumindest angenehme Mitreisende. Die Schläfrigkeit lullt mich ein. Wenn ich darüber nachdenke, geht es mir schon seit Tagen so. Ich schiebe es auf das Wetter, dass ich den ganzen Tag vor mich hindösen könnte, nur unterbrochen dadurch, dass ich mich der Nahrungsaufnahme widme.

Reisende sind eingestiegen. Sie öffnen die Fenster. Ohrenbetäubende Geräusche füllen den Wagon wegen der großen Geschwindigkeit. Wir fahren in einem Tal. Links und rechts erheben sich die Berge im Hintergrund einer durch Weinbau und Obstbau genutzten, flachen Landschaft. Ich versuche mir alles aus der Vogelperspektive vorzustellen. Dann müsste ich nicht die hässlichen Produktionsstätten, Lagerhallen und unerklärlichen grauen, verwahrlosten Bauten sehen, die wieder die Gleise flankieren.
In Trient bemerke ich zum ersten Mal, dass deutsch gesprochen wird. Südtirol.

Nach ungezählten Pizzen, Tortellini und anderen Pasta-Gerichten verlasse ich Italien bald wieder, nicht ohne Wehmut, und werde mich ab Bressanonne mit dem Auto, gemeinsam mit meinen Freunden, Richtung Deutschland aufmachen.

Venedig mal anders

Venedig ist wunderschön. Venedig ist Kitsch. Venedig ist ein Disneyland, nur echt. Venedig ist unglaublich. Venedig ist ein Labyrinth. Venedig ist eine riesige Einkaufsstraße. Venedig ist all das und so viel mehr.
Wir wollten die unentdeckten Seiten Venedigs kennenlernen, die versteckten Winkel, falls es so etwas noch gab. Wir begaben uns auf die Suche, auf den Routen abseits der bekannten und abgetretenen Straßen.
Man merkt, dass man auf dem richtigen Weg ist, wenn die Geschäfte weniger und das Italienisch auf den Straßen mehr wird. Wir staunten und fotografierten, kamen auf menschenleere Plätze und waren stolz auf unseren Entdeckergeist. Langsam aber sicher machte sich der Hunger bemerkbar, wie es eben so ist, wenn man ohne Ziel stundenlang unterwegs ist.
An Trattorias und Osterias mangelt es in Venedig wahrlich nicht. Genausowenig wie an Geschäften für überbordend geschmückte Masken umd Boutiquen für jedes Geldbörsel. Doch es konnte nicht irgendein Lokal sein. Unzählige ließen wir aus den unterschiedlichsten Gründen links liegen. Es musste etwas Besonderes sein.
Ein Tisch im Freien, üppig mit Essen zur Selbstbedienung beladen, weckte unsere Aufmerksamkeit. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass die Besitzerin des Weinlokals zu dem der Tisch gehörte den Geburtstag ihres verstorbenene Mannes feierte, "Man muss die Geburtstage feiern, auch wenn die Menschen nicht mehr auf der Erde sind", meinte sie und lud uns zu Wein und Häppchen ein. Wir sollten so viel zahlen, wie wir wollten, sagte sie.
Endlich sich nicht wie ein wandelndes Geldbörsel fühlen, keine Cashcow sein. Einfach von Mensch zu Mensch. Am Rande des Kanals, auf dem Boden sitzend, aßen wir kleine panierte Fische und Salat mir Couscous und Käse. Neben anderen angeheiterten Menschen tranken wir unseren Wein. Hunde bettelten an Leinen zerrend um Reste und bekamen nichts. Kinder spielten am Boden und zeichneten Unerklärliches mit Kreide. Ein Hund kackte unweit auf den Boden, ausgerechnet vor dem Zigarettenautomaten, jemand stieg beim Zigarettenkauf hinein und verteilte den Dreck auf seinem weiteren Weg. Infolge dessen schmierten die Kinder ihre behosten Knie hinein – niemand achtete darauf, nur wir allein verfolgten diesen unbemerkten Sketch.
Venedig wurde zu einer Stadt, kein Disneyand mehr. Eine Stadt mit lebenden Menschen die feierten und sich betranken, lachten und schrien. Eine sympatische Stadt.

Make believe

Jemand mit einer Mütze, wie man sie bei Temperaturen unter 10°C auf hätte, setzt sich an den Tisch neben us. Es ist Sommer, wir sitzen auf einer Terrasse an der Margaretenstraße. Ein lauer Samstag Abend. Viele von den Leuten die hier sitzen, zwischen 20 und 35 Jahre alt, haben Tattoos, tragen unkonventionelle Kleidung, manche haben große Brillen mit auffälligen Rahmen auf. Ich nenne sie, ebenso wie den Mützenträger, die Pretenders. In den 90er Jahren ließ man sich ein „Arschgeweih“ stechen, heute einen „Sleeve“. Es gibt wenige Leute, an denen Tattoos wirklich authentisch wirken. Der Rest ist dazu verdammt, nach dem Ende des Trends mit auf ewig eingestochenen Peinlichkeiten dazustehen. Manche von ihnen werden den Gegenwert eines Kleinwagens dazu aufwenden, die Tinte unter der Haut wieder los zu werden. Doch das sind Nebenschauplätze.

Die Pretenders sind jener Schlag von Menschen, die, so habe ich das Gefühl, mit allem, was sie tun, beeindrucken wollen. Und nicht nur das, sie wollen ein bewusst entworfenes Bild von sich zeichnen. Sie sind nicht einfach nur, sie wollen sein. Sie verkörpern die Analogie zu dem Spruch „Wir arbeiten in einem Job, den wir hassen, um uns Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“ Nur dass sie ihr Tun in die Welt des Seins verlagert haben. Ein anderer dieser Sprüche, die sich im Internet ausbreiten, wie eine Seuche: „Sein statt Haben.“ Ja, sie wollen sein. Sie wollen kein dickes Auto, keine Einfamilienhaus, keinen Pool, keine Trophy-Ehefrau haben. Sie wollen jemand bestimmtes sein. Dafür schmücken sie ihren Körper auf eine bestimmte Art und Weise, die ich wohl am besten mit dem Pinterest-Look beschreiben kann. Sie machen tolle Reisen um zu zeigen, wie viel sie gelernt haben. (Das Internet sagt, „nicht zu reisen ist, als würde man nur eine einzige Seite des Buches lesen“.) Als Symbol dafür lassen sie sich eine Windrose in den Unterarm stechen oder die Umrisse der Kontinente auf den Fußrücken.

Ich bewundere Menschen, die authentisch sind. Mit oder ohne Tattoos. Menschen, die sich ausdrücken in dem wie sie sind und sich selbst vertreten. Pretenders sind die Abziehbilder jener Menschen. Sind die einen mutig und verwegen, machen die anderen etwas, um so zu wirken. Sind die einen spontan und unberechenbar, veranstalten die anderen ein großes Theater, um den Eindruck zu erwecken.
Ich habe Personen kennengelernt, die aussahen, wie strenge Volksschullehrerinnen, die aber zu Elektronischer Musik sechs Stunden am Stück durch die Nacht tanzen konnten. Und nicht um jemanden zu beeindrucken – aber mich hat es beeindruckt. Authentisch ist, wenn man sich einen Dreck darum schert, wie man rüberkommt; wenn man sich einfach ausdrückt um man selbst zu sein, ohne vorher über das Gesamtbild nachzudenken.

Pretenders sind das lebendige Äquivalent zur PR-Kampagne. Sie sind ihre eigene Kampagne. Sie vermarkten sich, um ihren Wert zu optimieren. Daher lassen sie sich relativ schnell kategorisieren. Bewusst oder unbewusst wählen sie eine Zeichensprache, die andere vorgeprägt haben und die sich irgendwann zu einer Stilrichtung entwickelt hat. Bestimmte Kleidung, bestimmter Schmuck, bestimmte Tätowierungen und alles aufeinander abgestimmt.

Zurück zum lauen Samstag Abend im Schanigarten auf der Margaretenstraße. Unweit von uns unterhalten sich eine Gruppe junger Menschen abwechselnd auf englisch und deutsch. Ich kann nicht erkennen, ob aus Notwendigkeit oder zum Spaß. Eine junge Frau spricht ihr Englisch in für mich makelloser britischer Aussprache. Ein bisschen bin ich neidisch auf sie. (Als ich mich mal auf englisch aufgenommen und es mir dann vorgespielt habe, habe ich mich dafür geschämt.) Dann wechselt sie zurück ins Deutsche. Dieses wiederum kann ich nicht zuordnen – nicht einmal ob österreichisch oder „deutsch-deutsch“. Ich nehme noch einen Schluck von meinem Bier, das langsam seine Wirkung zeigt. Schon nach der Hälfte des ersten Glases. Die Hitze und der nahezu leere Magen machen es möglich. Ich grinse meine Begleitung an; „na Oida“, sagt er, als wüsste er, woran ich gerade denke.