Sie wissen was sie tun, aber sie tun es trotzdem…

Die Welt heute, zumindest bei uns, auf der Nordhalbkugel, funktioniert ja so, dass uns bereits die Auswirkungen unseres Handeln bekannt sind, werden wir jedoch darauf hingewiesen, dass wir uns falsch verhalten, und bekommen wir dann ein schlechtes Gewissen, versuchen wir nicht unser Verhalten zu ändern, damit wir wenigstens in Zukunft die Fehler nicht wiederholen. Wir sind vielmehr auf den „Verursacher“ des schlechten Gewissens böse, auf jenen, der uns auf unseren Fehler hingewiesen hat und empören uns über den „erhobenen Zeigefinger“, beteuern genau aufgrund dieses schlechten Erhobenen Zeigefingers unser Verhalten eben nicht zu ändern, denn man ließe sich ja nicht einfach durch solche „Moralisten“ lenken.
Dass die Moralisten und erhobenen Zeigefinger faktisch recht haben, unabhängig davon, in welcher Weise sie ihre Anklage äußern, wird ebenso unter den Tisch fallen gelassen, wie jeglicher Versuch das eigene Verhalten mit bekannten Ursache-Wirkung Zusammenhängen abzustimmen. Ich weiß, das es falsch ist, aber ich mache es trotzdem – aufgrund des erhobenen Zeigefingers. Eine lächerlichere und kindischere Einstellung ist schwer vorstellbar.

Wie mich lernen glücklich macht

Jetzt sind gute 6 Wochen vergangen, seitdem ich mein neues Studium angefangen habe – Vergleichende Literaturwissenschaft – und damit gleichzeitig beschlossen habe die zweite Hälfte meiner kostbaren  „Auszeit“ nicht mehr dem Reisen oder gar dem schlafen und ausgehen zu widmen, sondern dem Studieren, also im Prinzip dem Lernen, der Aneignung von neuem Wissen. Ich war immer schon eine „Streberin“, ich würde sagen, nicht im richtigen Wortsinne – ich habe nicht gestrebert – aber begierig nach Wissen war ich schon immer. Endlos neugierig – es gibt fast nichts, was ich nicht unbedingt wissen und ergründen will. Doch so weitläufig mein Wissensdurst auch ist, er ist manchmal relativ oberflächlich. Meine Interessen springen wie Affen von Baum zu Baum, lassen sich nirgends lange nieder. Langeweile und Wiederholung ist für mich eine Qual. Deshalb ist an dieser Stelle die Frage interessant – wie gefällt mir mein neues Studium?
Ich kann nur sagen, das einzige, das ich bereue, ist, nicht früher damit angefangen zu haben. Es ist die pure Inspiration, purer Genuss, pure Wissensdurstlöschung. Ich sitze in den Vorlesungen, wie ein Kind vor einem Handpuppenspiel oder einem Zeichentrickfilm. Habt ihr schon einmal, die gespannten Gesichter dieser Kinder betrachtet, wie ihre kleine Mimik unmerklich zuckt und wie sie mit der Geschichte mitleben? Wie sie völlig darin aufgehen zuzuhören und dem Geschehen zu folgen? So komme ich mir vor – in 90 Prozent der Fälle.
Ich höre von alten Griechen und ihren Abenteuern (Odysseus), von weisen Männern (angefangen bei Platon und über diverse Philosophen bis, aktuell in der Vorlesung, Freud) und leider zu wenigen weisen Frauen (z.B. Virginia Woolf), kann an ihren Gedanken teilhaben und mir wiederum meine eigene Gedanken über Themen machen, die heute genauso relevant sind, wie vor zig, hunderten oder gar tausenden von Jahren. Ich gehe einfach in die Vorlesungen, setze mich hin, kritzele viele Seiten mit meiner mitunter fast unleserlichen Handschrift voll und gehe anschließend, nach ein einhalb Stunden durstiger Aufnahme jeglichen Tropfens Information mit schwirrendem Kopf, fast betrunken vor neuen Ideen und Vorstellungen wieder aus dem Saal. Meist schwinge ich mich dann auf mein Rad und fahre bibbernd aber glücklich die vier einhalb Kilometer wieder nach Hause.
Ich liebe dieses neue Leben und die Tage haben den einzigen Nachteil zu kurz zu sein, dass ich auch noch ausgiebig mit dem Hund gehen kann, mir etwas leckeres kochen kann und abends vielleicht auch noch mit Freundinnen und Freunden auf ein oder mehrere Getränke zu gehen.
Das ist also mein neues Studium und ich kann jeder und jedem nur empfehlen, macht das, wonach ihr euch sehnt. Investiert eure kostbare Zeit in das, was euch erfüllt und sei es auch Jahrhunderte alte Theorien zu hören, so wie ich. Es macht einfach glücklich.