Flandern von der sonnigen Seite

Es ist schwer, einen guten Eindruck von einer neuen Stadt zu bekommen, wenn es regnet. In Löwen hat es geregnet, als ich es besucht habe, ebenso in Brüssel. Ich habe mir zwar in beiden Städten die Hauptplätze und die wichtigsten Monumente angeschaut, doch für viel mehr reicht es nicht, wenn man nass wird und anfängt zu frieren.

Trotz des Regens habe ich jedoch Löwen (Leuven) in sehr guter Erinnerung behalten. Dort habe ich den sogenannten Beginenhof wunderschön gefunden. Dieser liegt wie eine kleine Stadt in der Stadt und wurde im Mittelalter von den Beginnen gegründet, die dort lebten und für die Gesellschaft arbeiteten. Die Beginnen sind ähnlich wie Nonnen, legen aber kein Gelübde ab. Im Orden wird zwar nicht geheiratet, aber jede ist frei jederzeit den Orden zu verlassen, um eine Familie zu gründen. Innerhalb des Ordens versuchten sie nach dem „Vorbild Jesu“ zu leben, also wenig Besitz zu haben und ihre Arbeit der Gemeinschaft zu widmen. Sie pflegten Kranke oder kümmerten sich um Obdachlose, etc. Der Beginenhof in Löwen ist der größte in Belgien. Er ist verwinkelt, enge Gassen werden zu kleinen Brücken, die über Kanäle führen. Kleine Gittertore in Steinmauern verbergen wunderschöne grüne Gärten mit Bäumen und Blumen. Heute sind im Beginenhof Unterkünfte für Studenten und Professoren der Universität aus Löwen untergebracht. Er ist als UNESCO Weltkulturerbe geschützt und eine wunderbare Oase der Ruhe.
Außerdem kann man in Löwen in manchen Gassen einen künstlerischen Flair spüren. Es gibt Gallerien und Ateliers, Manufakturen und Boutiquen. Sicher liegt das auch daran, dass Löwen eine der wichtigsten Universitätsstädte im Belgien ist und dementsprechend Junge und Intellektuelle anzieht bzw. sich solche Menschen gerne hier niederlassen.

Brüssel war ebenfalls von Regen geprägt. Hier habe ich auch nur die wichtigsten Touristenspots aufgesucht. Der große Markt mit dem Rathaus, die Kathedralen und zahlreichen Kirchen sind beeindruckend, keine Frage. Trotzdem fühle ich den Puls einer Stadt am besten, wenn ich mich ein bisschen verlaufe, unerwartete Wege einschlage und nirgendwo erwähnte Entdeckungen mache, seien es alternative Cafés, Fahrrad-Werkstätten oder sogar authentische Geschäfte.
Der Rundgang in Brüssel war aufgrund des Regens beschränkt – bevor ich in mein Quartier (zu Tamas’ Wohnung) zurück ging, verbrachte ich noch eine Stunde in der Bibliothek, wobei ich wieder einmal feststellen musste, wie sehr ich mich in Büchereien wohl fühle. Ich schlug ein englischsprachiges Buch auf und las – es ging um einen Mann der ein „Utopia“ in Schottland gegründet hat, mit der Idee so zu leben, als wäre die Apokalypse eingetreten und die Menschheit auf dem Weg zu verschwinden, also ohne Technik und in Selbstversorgung. Bei dem Unterfangen ist er jedoch „verrückt“ geworden, hat sich selbst in eine Psychiatrie eingewiesen und musste sich schlussendlich eingestehen, dass er selbst nicht mehr an seine Idee glaubte. Es war spannend und irgendwie passt es in den ganzen Zusammenhang mit meiner Reise und meine Ausflüge auf Bauernhöfen…

Den zweiten Abend in Brüssel ging ich mit Tamas und seinen Arbeitskollegen auf den beliebtesten Platz in Brüssel, wo sich Büroangestellte, Banker und Parlamentarier aus den angrenzenden Vierteln jeden Donnerstag Abend treffen um ein Bier oder mehrere auf das anstehende Wochenende zu trinken. Für viele ist der Donnerstag der letzte Arbeitstag in der Woche, vor allem für die Parlamentarier aus dem angrenzenden EU-Parlament. Es war lustig und ich habe den Abend mit meinen „improvisierten Freunden“ genossen, was sicherlich dazu beigetragen hat, dass Brüssel etwas sympathischer für mich wurde. Nachdem mir Tamas am Abend davor Schauergeschichten über große Imigrantendichte, fehlendem staatlichen Einflusses und unsicheren Vierteln erzählt hatte, war das auch dringend nötig.

Gestern habe ich die Strecke zwischen Brüssel und Gent absolviert. Es waren ca. 60 km, also nicht extrem viel – doch trotzdem ist mir der Weg schwer gefallen, ich habe mich oft geärgert und meine Laune sank in den Keller.

Zum Glück ist heute ein sonniger, schöner Tag. Ich habe am Morgen beschlossen, noch einen Tag in Gent zu bleiben, die Stadt zu besichtigen und erst morgen nach Brügge zu fahren. Filip, mein Gastgeber hier in Gent hat mir eine Menge über die Geschichte der Stadt erzählt, mir die interessantesten Ecken und Straßenzüge in der Karte markiert und mir sogar ein Buch mit alten Abbildungen und Karten aus der Stadt gezeigt, der den Besuch im Stadt-Museum „ersetzen“ sollte.
Sodann habe ich mich auf dem Weg gemacht. Die Innenstadt von Gent ist wirklich schön. Mit den vielen Kanälen und Brücken erinnert sie manchmal an Amsterdam. Boote führen Touristen durch die Kanäle, es fahren aber auch Kutschen herum. Die zahlreichen Kirchen und die Burg bilden eine imposante Kulisse, an der man sich gar nicht sattfotografieren kann, aber auch bei vielen kleineren Gassen mit Steinhäusern, die teilweise aus dem Mittelalter erhalten sind, steht man ständig vor dem Problem, wie man diese Pracht wohl am besten in ein Foto einfangen kann. Manchmal ist das gar nicht möglich.

Gent und auch Löwen kann ich also auf jeden Fall weiterempfehlen. Am besten man nimmt sich ein paar Tage Zeit, denn zu sehen gibt es genug.

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