Warum ich Facebook verlassen habe

Ich habe einen „extremen“ Schritt gewagt. Jedenfalls wird es mir manchmal so vermittelt. Im Vorbeigehen, habe ich schon einmal „Frau lebt einen Monat ohne Facebook – das hat sie zu berichten“ auf einem Zeitungsdeckblatt gelesen und musste schmunzeln. So weit sind wir also schon, es ist eine Schlagzeile wert, wenn jemand einen Monat ohne Facebook lebt. Dabei gibt es unzählige Menschen die das schon immer tun! Jedenfalls, habe ich mich nun auch dazu entschlossen, auszusteigen. Es spukt schon seit einiger Zeit in meinem Kopf herum, es endlich zu lassen.

Meine Gründe? Vor allem: Es frisst Zeit ohne Ende. Kaum hast du das Handy in der Hand weil du eigentlich etwas ganz anderes nachsehen willst – zack – du landest auf Facebook (ein Automatismus im Hirn nach jahrelanger Sucht). In hypnotischer Manier scrollst du den „Feed“ hinunter. Meldung folgt auf Meldung, Katzen- und Tiervideos, etwas von „bored panda“, Werbung dazwischen. Irgendwelche Kommentare, die du nicht wirklich verstehst – sollen wohl lustig sein. So sah meine Facebook- Experience in den letzten Jahren aus. Warum blieb ich trotzdem so lange? (Ich war etwas mehr als 9 Jahre lang auf Facebook). Weil es süchtig macht. Studien haben es schon bestätigt – bitte googelt selber. Außerdem macht es depressiv. Auch das haben sie durch Studien herausgefunden. Aber weil man danach süchtig ist, merkt man es nicht. Eine eigenartige Leere, nach tot geschlagener Zeit auf Facebook, haben bestimmt schon viele an sich bemerkt, da hat man eigentlich keine Studie dafür gebraucht.
Was auch noch dagegen sprach, war dieses Gefühl, dass man ja etwas „verlieren“ würde, wenn man sich abmeldet. Den Kontakt zu anderen. Doch als ich das durchdachte, merkte ich: auf fb schreibe ich eigentlich hauptsächlich mit Menschen, mit denen ich so auch Kontakt habe. Und mit dem Rest, mit dem schreibe ich so oder so nicht. Also wozu fb?

Was mich letztendlich überzeugt hat: Das Buch „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ von Jaron Lanier. Es ist Anfang 2018 erschienen, sowohl das englischsprachige Original, als auch die deutsche Übersetzung. Eines vorweg: Das Buch wird immer besser, je weiter man vordringt. Wird man Anfangs noch mit Katzen verglichen – man sollte eine Katze werden, statt ein Hund zu sein – dreht es sich schon sehr bald um den eigentlichen Angelpunkt: die Verhaltensmodifikation, die fb und andere social media mit einem machen. Man ist Produkt bei diesen Plattformen, nicht Kunde. Das hat mir die Augen bzw. das Hirn geöffnet. Obwohl es klar war – diese Formulierung hat es mir noch einmal verdeutlicht. Weil wir als Nutzer nichts dafür zahlen, sind wir nicht die Kunden. Die zahlenden Kunden sind die Firmen, die dafür zahlen, die Verhaltensmodifikation durchzuführen. Uns dazu bringen, bestimmte Dinge zu lesen, auf ihre Homepages zu gehen, Dinge zu kaufen … und nicht zu Wahlen zu gehen, wie sich nach dem Wahlkampf in der USA herausgestellt hat. Das könnte Trump zum Sieg verholfen haben. Die Details kann man im Buch nachlesen. Zahlreiche Quellenangaben sind enthalten!

Das Ganze wird die BUMMER-Maschine genannt. BUMMER wegen „Behaviors of Users Modified, and Made into an Empire for Rent“ (Nutzerverhalten, das modifiziert und in ein Reich, das man mieten kann, verwandelt wird) oder auch in wörtlicher Übersetzung des Wortes bummer, in etwa „Mist“ oder „blöd“. In diesem Reich übernehmen die Arschlöcher die Herrschaft, weil der Algorithmus darauf aus ist, möglichst viele Klicks zu generieren. Und zufällig erzeugt Arschlochverhalten nun mal die meisten Klicks. Es folgen Totale Überwachung, Aufgezwungene Inhalte, Verhaltensmodifikation (die wir schon genannt haben) und das alles ergibt Ein perverses Geschäftsmodell, als Bestandteile von BUMMER.

Es folgen ein paar kleine Schmankerln aus dem Buch:

„Falls du auf Online-Plattformen aktiv bist und dabei etwas Unerfreuliches an dir selbst bemerkst – eine Unsicherheit, ein geringes Selbstwertgefühl, den Drang jemanden zu attackieren: dann verschwinde von dieser Plattform. Ganz einfach.“

S. 77; alle Zitate aus „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ von Jaron Lanier, 2018, Hamburg: Hoffmann und Campe

– Schuldig in allen Punkten. Und ja, ich bin abgehauen, es war schlussendlich leichter als gedacht.

In dieser Welt der sozialen Netzwerke sieht jeder Nutzer eine andere Oberfläche. Jeder lebt in seiner Welt und weil das so abstrus ist, geht er davon aus, dass jeder das Selbe sieht wie er, und hält die anderen für verrückt, weil sie offenbar zu anderen Schlüssen kommen. So hetzen sich „Linke“ und „Rechte“ gegenseitig auf oder „FeministInnen“ und welche, die Feminismus für übertrieben halten usw. und so fort.

„Ein Gedankenexperiment mag verdeutlichen, wie verrückt unsere Situation geworden ist: Kannst du dir vorstellen, wie es wäre, wenn Wikipedia jedem Nutzer eine andere Version eines Artikels präsentieren würde, und zwar aufgrund eines heimlich angelegten Profils der betreffenden Person? Ein Trump-Fan würde einen völlig anderen Artikel zu lesen bekommen, als Trump-Gegner, aber es würde nirgendwo festgehalten werde, welche Unterschiede es zwischen diesen Versionen gäbe und warum. Das mag sich vielleicht dystopisch oder grotesk anhören, aber es entspricht ungefähr dem, was du heute in deinem BUMMER-Feed zu sehen bekommst.“

S. 110

Wir müssen in der Lage sein, zu sehen, was andere sehen, um zu verstehen, wie sie handeln und welchen Eindruck sie von der Welt haben. Das Sich-in-andere-versetzen-können nennt man Empathie und diese geht mit BUMMER verloren, argumentiert Lanier. Völlig logisch, wie ich meine.

„Die meisten Leute haben nicht genug Zeit, um sich etwas anderes anzusehen, als das, was ein von Algorithmen berechneter News-Feed ihnen vorsetzt.“ S.114
So ist es. fb und andere soziale Netzwerke über-beanspruchen unsere Zeit nicht zuletzt deswegen, weil sie süchtig machen. Man kommt nicht mehr dazu, Bücher zu lesen oder sinnvolle Informationsquellen zu konsumieren, weil man seine Zeit auf fb verplempert. BUMMER-Netzwerke nutzen auch unsere Sorgen und Ängste aus, um an sich zu binden:

„Wenn alle Durchschnittsmenschen glücklich und zufrieden wären, würden sie sich womöglich von ihrer Social-Media-Besessenheit losreißen und auf einer Blumenwiese herumtollen oder sich sogar gegenseitig ein bisschen Aufmerksamkeit schenken. Aber wenn sie alle nur daran denken, ob sie auch beliebt genug sind, und, sich Sorgen machen, dass die Welt untergehen könnte, oder wütend über Trolle sind, die plötzlich in ihren Gesprächen mit Freunden und Angehörigen auftauchen, dann wagen sie es nicht, sich auszuklinken. Sie hängen fest, weil ihr natürliches Misstrauen geweckt ist.“

S. 133

Da alle ständig manipuliert werden, hebt sich die „Schwarmintelligenz“ auf, die normalerweise bewirkt, dass sich die Meinungen auf beiden Extremen der Skala neutralisieren und zu einem der Realität recht nahe kommenden Ergebnis kommen. Es gibt das Beispiel mit dem Bonbon-Glas, das in die Höhe gehalten wird und ein Saal voller Studenten soll raten, wie viele Bonbons darin sind. Bildet man einen Mittelwert aller Meinungen, wird dieser der realen Anzahl der Bonbons sehr nahe kommen. Werden jedoch alle manipuliert, jene für gestört erklärt, die besonders hoch oder niedrig schätzen, manche bedroht wenn sie diesen oder jenen Wert andenken, wird etwas viel schlechteres herauskommen, als im ersten Fall, wo jeder frei entscheiden konnte. Das geschieht in diesen Netzwerken ständig. Wir werden ständig manipuliert. Und zwar so, dass wir es nicht merken, dass wir nur das vorgesetzt bekommen, was unsere schon vorhandenen Tendenzen, bzw. unsere Ängste verstärkt.
„Im BUMMER-Zeitalter kann man nicht mehr sagen, was von selbst entstanden ist und was künstlich herbeigeführt wurde.“ S.165
Außerdem: „BUMMER macht mehr Profit, wenn die Nutzer verärgert und voreingenommen, zerstritten und wütend sind […]. BUMMER ist eine Shiterzeugungsmaschine. Es verwandelt ehrliches soziales Engagement in zynischen Nihilismus.“ S. 173

Das letzte Kapitel und gleichzeitig das letzte Argument, die sozialen Netzwerke zu verlassen, gefällt mir besonders gut. Es geht … um Spiritualität. Um unsere Seele und unser Bewusstsein. Hat man das Buch von vorne nach hinten gelesen, würde man dieses Kapitel absolut nicht erwarten. Umso mehr macht es Eindruck. Es zeigt warum BUMMER, also die sozialen Netzwerke, deren Geschäftsmodell es ist, uns alle zu manipulieren, zu einer neuen Religion wurden. Eine Religion, nicht Spiritualität, wohlgemerkt. Spiritualität ist NICHT Religion. In Religionen, muss man sich unterordnen und Dogmen glauben, egal, was man selbst darüber denkt. Religionen erheben Wahrheitsansprüche.
„Grundlage jeder Wahrheitssuche ist notwendigerweise die Fähigkeit, seine eigene Unwissenheit zu erkennen. Unwissenheit zu erkennen ist eine schöne Eigenschaft, die Wissenschaft und Spiritualität miteinander teilen. BUMMER dagegen weist sie zurück. Für BUMMER-Politik, BUMMER-Kunst, BUMMER-Handel und BUMMER-Leben ist Viralität gleich Wahrheit.“ S.186 (Wenn etwas im Internet „viral“ wird, breitet es sich stark aus und viele Menschen bekommen den Inhalt zu sehen. Darauf spielt hier das Wort Viralität an.)

„Laut BUMMER ist der Zweck des Lebens die Optimierung. Laut Google »die Infomationen der Welt zu organisieren.« […] Die Optimierung ist zum Zweck deines Lebens geworden. Du bist getauft worden.“

S. 187

Damit will ich diesen zur Rezension gewordenen Text abschließen. Ich habe hiermit die für mich wichtigsten Inhalte des Buches angeschnitten. Dieses habe ich an einem Nachmittag gelesen und war fasziniert, schockiert und am Ende überzeugt. Wir leben besser ohne die „Sozialen Netzwerke“. Hole dir das Buch und lass dich überzeugen!

Ein Kommentar bei „Warum ich Facebook verlassen habe“

  1. Erschaffung einer künstlich „gleichgeschalteten“ Welt als Simulation gab es schon durch das Fernsehen (wie von Günther Anders in „Die Welt als Phantom und Matrize“ beschrieben). Social Media hat das ganze nun potenziert und auf „individuell gleichgeschaltet“ modifiziert. Toller Artikel! Aber das Buch ist nichts für mich. Nach zwei Jahren Testphase FB (2007-09) bin ich nun schon 9 Jahre FB-frei.

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