Ricks Farm und andere Eigenarten

Letzter Tag auf dem sogenannten „Pferdehof“ in der Nähe von Veurne, Belgien. Es ist Sonntag. Letzten Montag, also vor sechs Tagen kam ich an. Diese letzten Tage waren gefühlsmäßig seltsam neutral. Weder war ich besonders gut gelaunt, noch besonders schlecht. Ich habe mich manchmal komisch deplaziert gefühlt, nicht dazugehörig. Normalerweise wird man bei workaway mehr oder weniger in das allgemeine Leben mit einbezogen. Hier nicht. Ich habe mein Häuschen, meine Aufgaben, die ich alleine erledige. Drei Mal am Tag, oder manchmal auch vier Mal werde ich für die Hauptmahlzeiten und eventuell einen Snack zwischendurch ins Haus gerufen. Die Tür zum Haupthaus ist von Außen nur mit Schlüssel zu öffnen. Es war also offensichtlich nicht erwünscht, dass ich jemals selbständig hineinkonnte. Die 13jährige Tochter „kümmerte“ sich um mich, wenn die Mutter unterwegs war. Das heißt sie richtete Frühstück oder Mittagessen für mich her. Wie seltsam.

Ich bin Gärtnerin gewesen und Putzfrau (für die Ställe), habe mich eintausend Mal an Brenneseln „verbrannt“ und mich von Spinnen beißen lassen, da ich Spinnweben wegfegen sollte. All das habe ich in einer neutralen Stimmung gemacht. Kein auf und kein ab. War weder traurig noch fröhlich. Die Arbeit draußen, auch wenn einfach und monoton, war immer noch ok. Nie hatte ich jedoch, wie ich anfangs gehofft hatte mit den Pferden oder anderen Tieren zu tun. Ein einziges Mal hatte ich das Glück bei der Hufpflege eines Belgischen Kaltblutes (die großen belgischen Pferde) zusehen zu können. Ansonsten habe ich ein bisschen mit den Hunden gespielt, weil sie eben da waren.
Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass es eben nicht mehr geben würde. Ich freute mich ohnehin schon auf zuhause und, wenn meine Gedanken mal auf Wanderungen gingen, gingen sie nach Hause, nach Wien. Doch dann kam doch noch was:

Ich erfuhr von Ricks Farm eher zufällig. Rick ist der Freund der Mutter. Als ich einmal mit der Tochter über die Schule plauderte, erzählte sie mir, dass sie manche Lehrer nicht mochten. Sie zählte Beispiele auf. Einmal sollte sie ein Referat über einen Bauernhof/ eine Farm halten und sie wollte lieber über Ricks Farm berichten, als über einen stinknormalen beliebigen Hof. Also machte sie das. Sie fuhr hin, stellte Fragen, machte Fotos. Doch dann, als es soweit war, wurde sie mitten im Referat von der Lehrerin unterbrochen. Es wurde ihr nicht erlaubt das Referat zu Ende zu halten. Sie wurde bezichtigt, dass sie nicht die Wahrheit sagen würde und dass sie die Fotos nur aus dem Internet hätte. Nur ein Gespräch der Mutter mit der Lehrerin verhinderte, dass die Tochter eine negative Note erhielt, aber eine gute bekam sie auch nicht.

Ich wunderte mich. Warum fand die Lehrerin, dass sie log? Warum ließ sie sie nicht fertig referieren?

Am nächsten Tag konnte ich auf Ricks Farm. Es war eher Zufall, denn Mutter und Tochter (die auf der Pferdefarm alleine leben) hatten Dinge zu erledigen und würden den ganzen Tag weg sein, also sollte ich mit zu Rick, denn dann wäre ich nicht alleine (und hätte was zu tun und was zu essen).

Und dann verstand ich, als ich die Farm sah. Schon auf dem Weg erzählte Rick, er hätte ein paar Ideen für „nach dem Klimawandel“. Wir konnten uns nicht so recht verständigen, sein Englisch war nicht das beste, Flämisch kann ich nicht. Aber im gebrochenen Englisch mit ein paar Brocken Deutsch dazwischen (dem holländischen und damit flämischen doch recht ähnlich) ging das schon. Außerdem würde ich verstehen, wenn ich mal da war.

Dann zeigte er mir die Deiche. Er baut sie als große „Umrandungen“ rund um die Wiesen. Sie sollen das Wasser halten und in die Erde lenken, also nicht wegrinnen lassen. Die Deiche sind mit einer gemischten Kultur bepflanzt: Obstbäume, verschiedene Gemüsesorten, darunter viel Artischocken und etwas, dass wie Mangold aussah. Er sagte immer wieder den Namen dieser Deiche („swales“), den ich nicht zuordnen konnte. Später googelten wir und ich fand heraus, dass es eine besondere Richtung in der Permakultur ist, was er da macht. Dann erzählte er mir, dass es in Österreich mehrere solcher alternativen Bauern gab, aber er würde nicht genau das machen wie jene. Er hätte seine eigenen Ideen. Will auch lieber gar nicht nachlesen, was andere machen, um nicht zu sehr beeinflusst zu werden. Aber ein guter Freund von ihm kenne sich gut aus und dieser wüsste den Namen des Bauern aus Österreich. Am Nachmittag konnte er es mir sagen – der Freund hatte auf seine Frage nach dem Namen jenes Bauern per SMS geantwortet: Sepp Holzer.

Nach ein paar Videos und kurzer Übersicht über den Wikipedia Artikel war mir klar, was ich mir schon vorher gedacht hatte: Darum durfte die Tochter (der Freundin) nicht in der Schule darüber referieren. Solch „Unsinn“ durfte ja nicht unter die „Massen“, nicht einmal unter die Kinder (es wird schon in der Schule zensiert). Permakultur ist immer noch zu alternativ, als dass man wenigstens erklären dürfte, was es ist. Sepp Holzer, z.B., baut die verschieden Nutzpflanzen in einer abgestimmten Mischkultur an, dass die einen Pflanzen, der Erde zuführen, was die anderen brauchen. Auch in verschiedenen Wuchshöhen abgestimmt, dass die einen Pflanzen im Schatten der anderen besser gedeihen können usw. Er erzeugt mit „Deichen“ und Seen Mikroklimas, die es erlauben selbst exotischere Pflanzen zu kultivieren, die ansonsten wärmeres Klima benötigen würden. Ich wurde immer neugieriger. Aber damit werde ich mich vielleicht auseinandersetzen, wenn ich wieder in Österreich bin…

Außer der Permakultur, züchtet Rick auch noch seine eigene Schweinerasse. Robust sollte sie sein (sie hatte ein recht dichtes Fell für ein Schwein), ohne Medikamente auskommen, außerdem wäre sie besonders intelligent, diese Rasse, sagte Rick. Glaubte ich ihm auch. Bis ich einige Stunden später mitbekommen sollte, wie eine der Sauen, die gerade Jungen bekommen hatte aufstand, ein Ferkel war unter ihr gelegen und lag scheinbar reglos am Boden. Sehr intelligent, danke. Ich war aufgeregt. Solch dumme Schweine. Dass sie nicht genug Platz hatten, konnte man auch nicht behaupten, hatten sie doch ein riesiges Gehege wo sie nach Herzenslaune graben und laufen konnten. (Es waren übrigens alle in diesem Gehege Sauen). Ich konnte das Ferkel zum Glück noch retten. Als ich sah, dass es noch atmete, ging ich in den Auslauf obwohl ich nicht genau wusste, wie die Sauen reagieren würden, und nahm es vom Boden hoch. Es atmete und machte Geräusche. Es schien nichts gebrochen zu sein, das Ferkelchen war wohl nur sehr schwach. Es konnte nicht mehr stehen und gehen, wie noch ein paar Stunden zuvor. Ich ging zu einem Waschbecken und säuberte es ein bisschen, denn es hatte sogar im Maul Erde. Nach einiger Zeit, nachdem ich es auf der Suche nach Rick auf dem Arm herumgetragen hatte, fing es an lebendiger zu werden. Als es wieder fähig war zu stehen und sogar ein bisschen herumgehen wollte, ging ich zurück und entließ es zu den Zitzen der Mutter. Ich hoffe die Ferkel überleben ihre Mutter. Ein zweites hatte auch schon eine Wunde am Hinterbein. Wahrscheinlich war eines der Sauen oder eben die Muttersau selbst darauf gestiegen.

Anfangs gefiel mir Ricks Hof sehr gut. Die Schweine hatten einen großen Auslauf, die Kühe holten wir später von einer riesigen Wiese auf eine andere Weide. Und obwohl nicht alles in perfekter Ordnung war, es schien doch alles im normalen Bereich. Später jedoch, nach ein paar Runden auf Ricks Hof, kam die traurige Ernüchterung. Meiner Meinung nach hielt er zu viele Tiere. Viele Kühe und Schweine. Manche der Ställe und Zärge schauten in schlechtem Zustand aus. Dreckig, überall Chaos. Berge an verrottenden Kartoffeln, überall, die wohl als Tiernahrung dort abgeladen worden waren. Es stank. Und weit und breit kein Rick. Der verschwand zwischendurch für zwei Stunden – er erzählte später, er hätte woanders auch noch Ställe. Ich wollte gar nichts mehr darüber wissen. Ich will mich nirgends einmischen. Jeder muss selbst wissen, was er tut. Am Abend ging es wieder zurück zur Pferdefarm. Ich ging ohne richtiges Abendessen ins Bett. Darauf hatten sie wohl „vergessen“.

Nach dieser Woche bin ich froh, wieder rauszukommen. Wieder in meine Welt. Das war doch zuletzt ein etwas seltsamer Exkurs.

Unten ein paar Eindrücke. Das Beitragsbild oben zeigt das Haupthaus des Pferdehofes.

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