Was ich heute gelernt habe

Ich bin heute um kurz vor 9 von Ehingen am Ries losgestartet. Es geht und ging richtung Nürnberg. Dort will ich einen Tag verbringen, um mir die Stadt ein bisschen anzuschauen, dann geht es weiter. Ich will diesmal bis nach Belgien kommen und dann durch Belgien, durch Flandern genauer gesagt, bis nach Brügge. Das ist meine nächste Station.

Am Anfang ging es gut, heute. Die ersten paar Kilometer dachte ich daran, ob ich wohl etwas am Bauernhof vergessen habe, und daran, ob ich Peter überhaupt eine E-Mail Adresse oder Tel.Nr. hinterlassen habe. Mir gingen noch einmal einzelne Situationen und Gespräche durch den Kopf, während die Landschaft an mir vorbeizog. Den Weg bis Gunzenhausen kannte ich ja praktisch schon, nur in umgekehrter Richtung vom Hinfahren. Trotzdem musste ich immer wieder anhalten, um auf die Karte oder aufs Handy zu sehen, ob ich richtig fahre. Es gibt viele Radwege in Deutschalnd, doch manchmal hören sie plötzlich bei der Straße auf und man weiß nicht, wie es weitergeht. Auf der Straße? Oder geht der Radweg woanders weiter?

Nach Gunzenhausen radelte ich Richtung Brombachsee weiter. Auch diese Route war größtenteils gut beschriftet und ich fand den Weg relativ leicht. Doch dann begannen die Herausforderungen. Am wunderschönen Ufer des Brombachsees verlor ich mich im Gewirr der Uferradwege und Zugänge zu verschiedenen Touristenpunkten, wie Campingplätzen, Restaurants oder Zugängen zu Badeplätzen. Alles war für Radfahrer und Fußgänger, doch wo die Route entlangging, die weiterführt, war für mich nicht ersichtlich. Immer wieder vor und zurück. Mir wurde plötzlich bewusst, wie absurd es war: Alle entspannten und machten Urlaub am Badesee, doch ich konnte nicht einmal den schönen Ausblick auf den See genießen, weil ich den Weg nicht fand.

Schlußendlich nahm ich versehentlich auch noch die Route, die ich eigentlich nicht nehmen wollte (aus zwei Optionen die falsche gewählt) und beließ es dabei, weil ich noch einmal zurückfahren wollte. Diese Route wollte ich ursprünglich meiden, weil sie mehrere starke Steigungen beinhaltete, doch nur war ich auf dem Weg. Irgendwie wurschtelte ich herum, verlor den Weg und nahm eine „Abkürzung“ über einen Feldweg, der die letzten 500 m pure, niedergetretene Wiese war. Es war auch noch steil, ich führ im Schneckentempo, brauchte aber alle Kraft, die ich hatte. Über mir machte ein Flugzeug Kunstflugübungen, aber nicht einmal das konnte mich aufmutern. Ich hatte eher Angst, dass er abstürzt und auf mich drauffällt.

Ich war fix und fertig, als ich vom Feldweg wieder auf einen Radweg kam, den man auch als solchen bezeichnen kann. Ich fluchte vor mich hin und fragte mich laut warum ich das eigentlich mache. Doch dann ging es weiter und ich war noch gar nicht vollkommen ok, als ich dann doch noch belohnt wurde: vor mir auf dem Radweg (menschenleer und verlassen) spielten zwei kleine Wiesel miteinander „fangen“. Sie waren viel kleiner als Katzen, hatten einen dunkelbraunen Rücken und weiße Bäuche. Ich habe solche Tiere noch nie in freier Wildbahn gesehen und freute mich!

Wieder erinnerte ich mich daran, dass doch der Weg das Ziel ist und es egal ist, ob ich schnell bin, oder langsam.

Bei einer Abzweigung, kurz vor Brombachsee, hatte ich beim Kartenlesen versehentlich meinen Tageskilometerzähler am Tacho zurückgestellt auf Null. Das passiert bei langem Druck auf die Taste – ich musste mich ohne es zu merken darauf gestützt haben. Ich war untröstlich ob der „verlorenen“ Kilometer. Ich war frustriert und wütend. Später musste ich daran denken und merkte wie lächerlich es war. Gar nichts ist verloren gegangen. Dieses Ereignis hat mich eher etwas gelehrt – ich sollte nicht so oft auf den Tacho schauen. Zu oft zieht er meinen Blick magisch auf sich und ich zähle förmlich die Kilometer mit. Doch ist das überhaupt wichtig. Ich weiß doch wie weit ich gefahren bin. Die genaue Angabe auf zwei Kommastellen interessiert doch niemanden. Wieder eine Übung im Loslassen.

Nach den Wieseln wurde ich langsam entspannter. Ich beobachtete die Landschaft, genoss die Wälder und die Häuser – es gibt entzückende kleine Orte mit Fachwerkhäusern und Steinhäusern hier in Franken.

Ab drei Uhr nachmittags machte ich mir langsam Gedanken: Sollte ich wirklich bis Nürnberg fahren? Ich könnte es schaffen, doch ich würde relativ spät und völlig erledigt ankommen. Eine Option wäre auch noch die lezten 20 km oder so den Zug zu nehmen. Ein paar mal schob ich die Entscheidung noch vor mich hin: Beim nächsten Ort; nach den nächsten 8 km. Bis ich schließlich in Roth ankam. Und da wusste ich: Hier sollte ich übernachten. Ein netter kleiner Ort, unaufgeregt, aber nicht langweilig, architektonisch durchaus interessant (ich habe mich noch nicht an den Fachwerkähusern sattgesehen), nicht zu klein und nicht zu groß.

So bin ich hier geblieben. In Roth, ca. 20 km südlich von Nürnberg. Durch die Touristeninformation habe ich ein Zimmer gefunden – in einem kleinen Ort, ca 7 km vom Zentrum entfernt. Bevor ich hingefahren bin, habe ich ein paar Runden durch das Zentrum gemacht und schließlich ein kleines Lokal in einer ruhigen Gasse mit zwei Tischen davor gefunden und ein Weißbier getrunken. Dazu Pommes, als „Unterlage“. Und da wusste ich wieder warum ich es mache: Ich habe heute so viel erlebt und das ist der perfekte Ausklang. Entspannt, ohne Stress, einfach die Atmosphäre genießen, ein bisschen mit der Besitzerin plaudern und mit den anderen Gästen (drei ingsgesamt, alle Stammgäste).

Ich bin jetzt auf einem Bauernhof, der Gästezimmer anbietet. Das Zimmer ist schön, geräumig, riesiges Bett, sauberes und neu hergerichtetes Bad. Ich darf die kleine Küche benutzen, die im Frühstücksraum integriert ist und habe mir ein Abendessen gemacht (Fertigtortellini).

Ich bin froh, nicht krampfhaft am Plan festgehalten zu haben, bis Nürnberg zu kommen. So konnte ich den Abend noch genießen und habe mit Sicherheit mehr gesehen, als wenn ich nur überall durchgehetzt wäre.

Improvisieren und locker bleiben; immer den Weg genießen. Das habe ich heute gelernt.

Morgen geht es frisch und ausgeruht weiter!

Hier habe ich einfach einige Bilder von unterwegs angefügt:

 

4 thoughts on “Was ich heute gelernt habe

  1. Hi marta, ich lese deine berichte voll gerne, sie sind so bildlich 🙂 umarmung von mani, stella u mir aus cherbourg!

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