Wie man die Erfüllung im Leben findet

Heute habe ich wieder eine dieser E-Mails bekommen, einen Newsletter, den ich einmal abonniert habe, einen der vielen Newsletter, die Werbung für einen Kurs/ Onlinekurs/ Seminar/ Retreat etc. machen, wo man lernen kann „wie man davon lebt, das zu tun, was man liebt im Leben“. Aus Interesse, weil es mich wohl irgendwie tangiert, irgendwo eine Saite klingen lässt, habe ich über die letzten paar Jahre mehrere dieser Homepages besucht und diverse Newsletter abonniert. Doch besonders in den letzten paar Monaten fällt mir verstärkt auf: das Internet ist voll damit. Voll von Leuten, die darin ihre „Nische“ gefunden haben, anderen Leuten beizubringen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Und der Markt dafür ist offenbar da, denn nicht wenige Menschen leben ganz gut von dieser Idee. „Wie erstelle ich einen erfolgreichen Blog?“ „Wie baue ich ein erfolgreiches Onlinebusiness auf?“ „Wie kann auch ich zum digitalen Nomaden werden und von überall aus arbeiten?“ – das ganze verdammte Internet ist voll damit. Die Bücher darüber verkaufen sich wohl auch wie warme Semmeln (wie man in Österreich so schön sagt) und die Online-Kurse werden für mehrere Hundert Euro angeboten. Alles unter 180 € gilt da schon als „Schnäppchen“. Ich könnte einige Beispiele solcher Seiten nennen, doch ich erspare mir das jetzt. Wen’s interessiert, kann ja googeln.

Ich bezweifele nicht grundsätzlich die ehrlichen Absichten solcher Angebote, doch inzwischen denke ich mir immer wieder, „da ist doch der Wurm drinnen“. Denn es kann ja am Ende nicht jeder, so wie diese Anbieter, die ja meistens ihre Tätigkeit als „Berater“ als Haupterfolg aufzuweisen haben, wiederum Berater werden, um wiederum andere zu beraten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.

Und warum ist der Markt dafür überhaupt da? Warum gibt es so verdammt viele Menschen, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen? Es sind bei weitem nicht nur Menschen um die 30. Es sind nicht wenige dabei, die ein finanziell erfolgreiches Leben aufweisen können, die Ehen, Kinder, Häuser, Autos, Boote und weiß der Kuckuck, was noch alles, vorzuweisen haben. Und dann gehen sie auf eines dieser Seminare in ein Luxushotel für leicht mehrere Tausend Euro (für eine Woche) um von anderen „erfolgreichen“ Leuten zu lernen, wie sie endlich das finden, was sie glücklich macht. Manchmal denke ich mir es ist lächerlich. Es ist wirklich so lachhaft, dass wir alle immer noch so verzweifelt nach dem Sinn des Lebens suchen. Nach Erfüllung. Und anstatt es einfach selbst so zu machen, wie man glaubt, dass es richtig ist, glaubt man, man muss Kurse kaufen, Seminare buchen, Geld ausgeben. Mehr. Mehr. Ist das nicht schon wieder das, wovon man eigentlich weg will?

Eines dieser Seminarangebote lautet „Do What You Love Retreat“. Und es kostet regulär 990 €, nur der Kurs, plus Unterkunft für eine Woche, plus An- und Abreise, plus Mahlzeiten. Bezahlt wird das Ganze dann mit „Do What I Hate“-Money, oder was? Klar, es liegt mir nicht einmal ganz fern, an so etwas teilzunehmen. Ich kenne die zwei, die das Seminar halten und denke gar nicht schlecht über beide. Doch trotzdem – knappe 2000 € aus Geld, das man ja mit etwas erwirtschaftet hat, das man gar nicht gern gemacht hat (sonst wäre ja die Teilnahme an so einem Kurs ja überflüssig, versteht sich von selbst). Das ist dann schon etwas viel.

Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob ich den Anbietern dieser „Dienste“ das ganze überhaupt glauben soll. Sind sie wirklich so viel glücklicher, als andere? Oder ist das nicht einfach nur ihr Business, das ganze so darzustellen? Denn wenn sie nicht wesentlich glücklicher wären, hätten sie ja nichts anzubieten, was man von ihnen lernen könnte. Oder sie könnten es zumindest nicht so anpreisen. Klar, jeder hat etwas zu bieten – von jedem kann man etwas lernen, aber ein echtes Business wäre es vielleicht nicht mehr.

Wahrscheinlich ist die Antwort einfach zu simpel, um sie zu glauben. Wenn man machen will, was man liebt, sollte man einfach damit beginnen, mehr von dem zu machen, was man mag und weniger von dem, was man nicht mag. Aber dafür kann man nicht 1000 € verlangen…

Oder ist das alles ein verdammter TREND?

Brügge und Heimweh

Brügge – mein großes Ziel. Mein Etappenziel, jedenfalls. Ich habe es vorgestern am frühen Nachmittag erreicht. Und wie war Brügge? Ich kann mich gar nicht dazu entschließen, darüber zu schreiben weil ich seit kurzem so unglaubliches Heimweh habe.

Gestern Abend, als ich gerade dabei war auf einer gekiesten Einfahrt Unkraut zu rupfen, war es soweit. Ich habe es mir eingestanden: Mein Heimweh ist unübersehbar geworden. Schon seit Tagen regt sich etwas in mir und ich kämpfe damit. Ich wollte eigentlich nicht so schnell nach hause. Aber ich vermisse alles. Meine Freunde, meine Familie, meinen Hund, meine Wohnung, ja auch Wien – meine gewohnte Umgebung. Wenn ich an all dies denke, steigen mir schon wieder unvermittelt Tränen hoch. Ich kann es nicht mehr wegschieben – vielleicht bin ich einfach nicht der Typ für so lange Trips. Es war schön, aber es war. Ich mag jetzt wieder nach Hause.

Warum rupfe ich Unkraut? Ich bin gestern Nachmittag auf einem Pferdehof in der Nähe von Veurne angekommen. Hier will ich eine Woche bleiben und gegen Mahlzeit und Unterkunft überall mithelfen.

Und nun zu Brügge: Ja, sie ist schön, diese Stadt. Gestern bin ich auf den Turm gestiegen. Er hat ein Glockenspiel, ähnlich einer Musikbox, nur in riesig. Zu jeder viertel Stunde spielen die Glocken des Turms eine Melodie.

Die Flüsse und Kanäle sind romantisch, besonders wenn die Schwäne darin vorbeigleiten. Das wissen auch die Hoteliers, die ihre anliegenden Luxusunterkünfte Le Swan und sowas nennen.

Die Häuser sind wunderschön – die meisten in gotischem Stil, viele mit diesen für diese Region typischen, getreppten Giebeln. Und wenn man mal abseits der Hauptrouten geht, wo man teilweise fast gar keine Menschen antrifft, kann man so richtig diese besondere Atmosphäre genießen, wo man sich ein bisschen in der Zeit zurückversetzt fühlt. Wo die Stille nicht Einsamkeit bedeutet, sondern lang ersehnte Ruhe.

Man könnte sich den ganzen Tag mit Schokolade in allen Formen vollstopfen, denn sie wird alle paar Meter in unglaublich ansprechenden Geschäften angeboten. Besonders an den Pralinen kann ich mich gar nicht sattsehen und sattessen. Als ich des Nachts durch das romantisch beleuchtete Brügge spazierte (man muss Brügge doch mal unbedingt bei Nacht sehen), habe ich mir als Trost, dass ich mir das jetzt alleine antun muss, ein Säckchen mit Pralinen gekauft und so lange davon gegessen bis mir schlecht wurde. Ein bisschen Trost haben sie gespendet.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Vielleicht ist einfach meine magische Grenze ein Monat. Aber ich kann nur mehr weniges genießen. Ich muss immerzu an zuhause denken. Ich mache mir selbst schon Vorwürfe deswegen, aber ich sollte es einfach sein lassen, „Schei* drauf“ sagen und heim fahren. Es ist, wie es ist.

Seit heute bin ich dabei meine Reise nach Hause zu planen. Es ist gar nicht so einfach, weil man in den ICEs z.B. keine Fahrräder mitnehmen kann. Aber ich bin nah dran doch noch was zu organisieren…

PS: Da das Internet hier so unglaublich langsam ist, kann ich die Bilder erst später nachreichen.

Flandern von der sonnigen Seite

Es ist schwer, einen guten Eindruck von einer neuen Stadt zu bekommen, wenn es regnet. In Löwen hat es geregnet, als ich es besucht habe, ebenso in Brüssel. Ich habe mir zwar in beiden Städten die Hauptplätze und die wichtigsten Monumente angeschaut, doch für viel mehr reicht es nicht, wenn man nass wird und anfängt zu frieren.

Trotz des Regens habe ich jedoch Löwen (Leuven) in sehr guter Erinnerung behalten. Dort habe ich den sogenannten Beginenhof wunderschön gefunden. Dieser liegt wie eine kleine Stadt in der Stadt und wurde im Mittelalter von den Beginnen gegründet, die dort lebten und für die Gesellschaft arbeiteten. Die Beginnen sind ähnlich wie Nonnen, legen aber kein Gelübde ab. Im Orden wird zwar nicht geheiratet, aber jede ist frei jederzeit den Orden zu verlassen, um eine Familie zu gründen. Innerhalb des Ordens versuchten sie nach dem „Vorbild Jesu“ zu leben, also wenig Besitz zu haben und ihre Arbeit der Gemeinschaft zu widmen. Sie pflegten Kranke oder kümmerten sich um Obdachlose, etc. Der Beginenhof in Löwen ist der größte in Belgien. Er ist verwinkelt, enge Gassen werden zu kleinen Brücken, die über Kanäle führen. Kleine Gittertore in Steinmauern verbergen wunderschöne grüne Gärten mit Bäumen und Blumen. Heute sind im Beginenhof Unterkünfte für Studenten und Professoren der Universität aus Löwen untergebracht. Er ist als UNESCO Weltkulturerbe geschützt und eine wunderbare Oase der Ruhe.
Außerdem kann man in Löwen in manchen Gassen einen künstlerischen Flair spüren. Es gibt Gallerien und Ateliers, Manufakturen und Boutiquen. Sicher liegt das auch daran, dass Löwen eine der wichtigsten Universitätsstädte im Belgien ist und dementsprechend Junge und Intellektuelle anzieht bzw. sich solche Menschen gerne hier niederlassen.

Brüssel war ebenfalls von Regen geprägt. Hier habe ich auch nur die wichtigsten Touristenspots aufgesucht. Der große Markt mit dem Rathaus, die Kathedralen und zahlreichen Kirchen sind beeindruckend, keine Frage. Trotzdem fühle ich den Puls einer Stadt am besten, wenn ich mich ein bisschen verlaufe, unerwartete Wege einschlage und nirgendwo erwähnte Entdeckungen mache, seien es alternative Cafés, Fahrrad-Werkstätten oder sogar authentische Geschäfte.
Der Rundgang in Brüssel war aufgrund des Regens beschränkt – bevor ich in mein Quartier (zu Tamas’ Wohnung) zurück ging, verbrachte ich noch eine Stunde in der Bibliothek, wobei ich wieder einmal feststellen musste, wie sehr ich mich in Büchereien wohl fühle. Ich schlug ein englischsprachiges Buch auf und las – es ging um einen Mann der ein „Utopia“ in Schottland gegründet hat, mit der Idee so zu leben, als wäre die Apokalypse eingetreten und die Menschheit auf dem Weg zu verschwinden, also ohne Technik und in Selbstversorgung. Bei dem Unterfangen ist er jedoch „verrückt“ geworden, hat sich selbst in eine Psychiatrie eingewiesen und musste sich schlussendlich eingestehen, dass er selbst nicht mehr an seine Idee glaubte. Es war spannend und irgendwie passt es in den ganzen Zusammenhang mit meiner Reise und meine Ausflüge auf Bauernhöfen…

Den zweiten Abend in Brüssel ging ich mit Tamas und seinen Arbeitskollegen auf den beliebtesten Platz in Brüssel, wo sich Büroangestellte, Banker und Parlamentarier aus den angrenzenden Vierteln jeden Donnerstag Abend treffen um ein Bier oder mehrere auf das anstehende Wochenende zu trinken. Für viele ist der Donnerstag der letzte Arbeitstag in der Woche, vor allem für die Parlamentarier aus dem angrenzenden EU-Parlament. Es war lustig und ich habe den Abend mit meinen „improvisierten Freunden“ genossen, was sicherlich dazu beigetragen hat, dass Brüssel etwas sympathischer für mich wurde. Nachdem mir Tamas am Abend davor Schauergeschichten über große Imigrantendichte, fehlendem staatlichen Einflusses und unsicheren Vierteln erzählt hatte, war das auch dringend nötig.

Gestern habe ich die Strecke zwischen Brüssel und Gent absolviert. Es waren ca. 60 km, also nicht extrem viel – doch trotzdem ist mir der Weg schwer gefallen, ich habe mich oft geärgert und meine Laune sank in den Keller.

Zum Glück ist heute ein sonniger, schöner Tag. Ich habe am Morgen beschlossen, noch einen Tag in Gent zu bleiben, die Stadt zu besichtigen und erst morgen nach Brügge zu fahren. Filip, mein Gastgeber hier in Gent hat mir eine Menge über die Geschichte der Stadt erzählt, mir die interessantesten Ecken und Straßenzüge in der Karte markiert und mir sogar ein Buch mit alten Abbildungen und Karten aus der Stadt gezeigt, der den Besuch im Stadt-Museum „ersetzen“ sollte.
Sodann habe ich mich auf dem Weg gemacht. Die Innenstadt von Gent ist wirklich schön. Mit den vielen Kanälen und Brücken erinnert sie manchmal an Amsterdam. Boote führen Touristen durch die Kanäle, es fahren aber auch Kutschen herum. Die zahlreichen Kirchen und die Burg bilden eine imposante Kulisse, an der man sich gar nicht sattfotografieren kann, aber auch bei vielen kleineren Gassen mit Steinhäusern, die teilweise aus dem Mittelalter erhalten sind, steht man ständig vor dem Problem, wie man diese Pracht wohl am besten in ein Foto einfangen kann. Manchmal ist das gar nicht möglich.

Gent und auch Löwen kann ich also auf jeden Fall weiterempfehlen. Am besten man nimmt sich ein paar Tage Zeit, denn zu sehen gibt es genug.

Gedanken in Brüssel

Während ich hier durch das verregnete und graue Brüssel schlendere, in Auslagen voller Bonbons, Pralinen und andere kunstvolle Süßspeisen schaue, die Häuserfassaden bestaune, oder auch schon mal über die eine oder andere Hässlichkeit den Kopf schüttle, driften meine Gedanken manchmal weg. Mir fallen zum Beispiel immer wieder Situationen aus meinen Begegnungen und Gesprächen von der Reise ein – deshalb möchte ich diesen Eintrag über eben diese Begegnungen machen. So viele neue Orte, Plätze, Gebäude und Denkmäler man auch sieht, am Ende sind die Menschen, die Begegnungen gleichsam die Würze, die das Reisen so besonders machen. Ohne sie wäre meine Reise wie ein Gericht ohne Salz und ohne Gewürze.

Hier in Brüssel wohne ich bei einer Bekanntschaft, die ich während der Reise gemacht habe. Wie ich damals geschrieben habe, hat es sich in Würzburg ergeben, dass ich bei dem Warmshowers-Gastgeber eine Frau, ca. in meinem Alter, kennengelernt habe, die quasi den gleichen Weg hatte wie ich. Ebenfalls mit dem Fahrrad, fuhr sie nach Brüssel zu ihrem Freund. Sie allerdings etwas schneller als ich – mit einem Rennrad. Trotzdem haben wir uns 2 Tage lang den Weg „geteilt“ und fuhren oft nebeneinander, oft hintereinander, plaudernd oder schweigend. Dora trainiert für den Triatlon und ihr Freund baut Rennräder zusammen, als Hobby. Denn eigentlich arbeitet er in Brüssel im IT-Bereich. Sie fuhr den Weg von Budapest nach Brüssel in 13 Tagen und kam fast eine Woche vor mir hier an. Ich machte derweil in Frankfurt, Mainz und Aachen längere Zwischenstopps. Bevor sich unsere Wege trennten, sagte sie mir, ich sollte mich unbedingt bei ihrem Freund melden, wenn ich in Brüssel ankomme. Er würde sich sicher freuen, mein Gastgeber zu sein. Und so lernte ich Tamas kennen. Doch dazwischen sollten noch 8 Tage vergehen, in denen ich auch wieder einige Begegnungen hatte.

Auf dem armseligsten Campingplatz bisher, den ich an jenem Tag aufgesucht habe, als sich Doras und meine Wege trennten, mit schäbigen WCs und ebensolchen Duschen, ohne erkennbare Rezeption, voll mit Wohnmobilen, die dort schon Ewigkeiten zugebracht zu haben schienen, stand gegenüber meines Zeltplatzes ein alter Wohnwagen. Aus der zur Hälfte offenen Tür (untere Hälfte geschlossen, obere Hälfte offen) ragten zwei Hundeköpfe. Einer gehörte einer riesigen Deutschen Dogge, der andere einem sehr viel kleineren Hund, wohl ein Parson Terrier. Und beide „wohnten“ gemeinsam mit einem „älteren“ Herrn in dem Wohnwagen.
Kurze Zeit nachdem ich mein Zelt aufgebaut hatte und es mir gerade darin gemütlich machen wollte, war „Gassi-Zeit“. Der Herr leinte seine Hunde an, stieg aus dem Wohnwagen und machte sich in Richtung Campingplatz-Ausgang auf dem Weg. Ich hielt ihn noch kurz auf und kam mit ihm ins Gespräch. Er redete nur kurz mit mir und meinte, seine Hunde „müssten jetzt mal“, aber er kam zurück und wir unterhielten uns noch ausgiebiger. Er erzählte mir, dass er einmal reich gewesen war. Er hätte ein großes Unternehmen gehabt, hat allen seinen sechs Kindern eine gute Ausbildung und zum „Abi“ ein Auto finanziert, doch als seine Ehe zerbrochen ist, wollte er von allem nichts mehr wissen. Er hat alles verkauft und wohne jetzt hier, nur wenige Kilometer südlich von Frankfurt auf dem Campingplatz. Und dann sagte er: „Was braucht man schon zum Leben? Wenn Sie so reisen mit dem Fahrrad, den paar Taschen und dem Zelt – was brauchen Sie zum Leben?“. Ich sagte, „Naja, man freut sich eben über die einfachen Dinge, ein warmes Essen, ein warmes Bett, eine Dusche…“. „Eben“, antwortete er, „Ich brauch’ nicht mehr als das hier.“ Dann unterhielten wir uns noch ein wenig über Hunde, aber seine eindringliche Frage behielt ich in Erinnerung.

Irgendwo, war es vorher oder nachher gewesen, das weiß ich nicht mehr, hielt ich mal an, um meine Einkäufe beim „Edeka“ zu machen. So heißt in Deutschland eine Supermarktkette. Nachdem ich meine Brötchen, Käse und Tomaten gekauft habe, nahm ich draußen an ein paar aufgestellten Kaffehaustischen platz, die nicht weiter bedient wurden, um meine „Jause“ zu essen. Ich hatte dort noch nicht lange gesessen, als eine Frau neben mir stehen blieb. Sie stellte die üblichen Fragen, woher ich käme und wohin ich führe und erzählte dann von ihren eigenen Reisen. Wie sie, ebenfalls mit dem Fahrrad, Schottland bereist hatte, als sie noch jünger war. Sie sagte „aus dieser Zeit stammen meine schönsten Erinnerungen“. Danach schwärmte sie noch von anderen Reisen und erzählte, dass ihre Tochter mit deren Hund vor wohl nicht allzu langer Zeit eine Woche „Urlaub“ in Finnland gemacht hatte, wo sie in einem komplett menschenleeren Gebiet eine Woche gewandert wäre. Dabei schüttelte sie den Kopf, als würde sie sagen wollen, das hätte ihr dann doch Sorgen bereitet, das müsste ja wohl nicht sein. Aber ein bisschen stolz war sie schon auf die Tochter. Aus ihren Aufzählungen konnte ich erkennen, dass sie ebenfalls schon einiges von der Welt gesehen hatte. Sie wirkte sehr zufrieden. In dem Moment fragte ich mich, ob wohl die Deutschen mehr mit dem Fahrrad verreisen, als andere, oder ob das jetzt nur Zufall ist, weil mich eben als Fahrrad Fahrerin mehr die Leute ansprechen, die selbst Fahrrad fahren.

In Aachen habe ich bei einem Herrn gewohnt, er war wohl um die 60, den mir meine Gastgeberin aus Nürnberg vermittelt hat – er ist ihr Schwager. Auch er hat den Großteil der Welt bereist, die Länder der ehemaligen UDSSR, Asien, Japan, Australien, Neuseeland, Europa sowieso – ich habe mir gar nicht alles gemerkt. Oft reist er – manchmal gemeinsam mit seiner Frau – Monate lang am Stück. Das kann er machen, weil er alle zwei Jahre ein Sabbatical Jahr nimmt. Er beantragt die Sabbaticals seitdem er erfahren hat, dass das nun auch in seinem Beruf als Richter möglich ist. Seine „Sammlung“ von Karten und Reiseführern ist dementsprechend beeindruckend, wie ich „im Vorbeigehen“ bemerkt habe. Er weiß natürlich auch einiges zu erzählen. Das war sehr unterhaltend und interessant. Eindrucksvoll waren seine Schilderungen von der Reise entlang der Seidenstraße und der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Da kann man neidisch werden. Er hat außerdem auch noch früh angefangen – zum ersten Mal ist er mit 15 per Anhalter quer durch Europa (ich glaube von irgendwo in Bayern bis nach Paris) gereist. Er meinte, seine Mutter wurde blaß, als er eröffnet hat, er wolle jetzt alleine weiterreisen – das war auf der Rückfahrt von einem gemeinsamen Familienurlaub. Was für ein Mut! Er hat mir schließlich auch noch mehr Mut zugesprochen und meinte: Mach deine Reise – sie wird eines der tollsten Dinge, die du je gemacht hast. Du wirst immer dafür dankbar sein.

Und schließlich Brüssel. Tamas, Doras Freund, ist ebenfalls, wie Dora, circa in meinem Alter. Wie so viele Leute in unserer Generation stellt er sich die selben Fragen: Macht Geld glücklich? Wenn ja, wie stellt man es an, dass es glücklich macht? Was soll man mit seinem Geld machen? Er ist hier, in Brüssel, weil er eine Stelle hat, wo er ungewöhnlich viel Geld verdient. Noch ein Jahr, dann hat er genug Geld gespart. Genug wofür? Das weiß er selbst noch nicht genau. Jedenfalls eine größere Summe. Er ist in dieser Situation nicht alleine. Viele seine Kollegen, wenn nicht alle, machen den Job hauptsächlich, oder nur des Geldes wegen. Sie haben kaum Freizeit, nehmen am Leben hier in Brüssel kaum Teil, sind aus ganz Europa und fahren dementsprechend, wenn sie ein bisschen mehr Freizeit haben, zurück zu ihren Familien, ihren Lieben. Sie sind hier in Brüssel meistens nicht wirklich glücklich. Nur damit, dass sie gut verdienen, aber sonst gibt es nicht viel, außer der Arbeit und einem After-Work-Bier von Zeit zu Zeit. Was macht ein erfülltes Leben aus? Welche Rolle spielt dabei der Job und das Geld? Darüber haben wir uns viel unterhalten. Ich habe auch nicht wirklich die Antworten. Auf eine Sache konnten wir uns aber schnell einigen: Man kann erst seine Schlüsse ziehen, wenn man es selbst probiert und erlebt hat.

In meinen bisherigen Gesprächen, egal mit wem und auf welcher Ebene, kann ich trotzdem immer wieder feststellen: Es dreht sich immer nur um eins: Was macht glücklich? Wie lebe ich ein erfülltes Leben? Selbst die Leute, die es so nicht ansprechen: Wenn man die Dinge herunter bricht, kommt man meist wieder darauf…

Im Übrigen war Brüssel kalt und verregnet. Es hat auch seine schönen Ecken, auch wenn die Leute sagen, Belgier selbst wären keine mehr in der Stadt… Aber das ist eine andere Geschichte.