Venedig mal anders

Venedig ist wunderschön. Venedig ist Kitsch. Venedig ist ein Disneyland, nur echt. Venedig ist unglaublich. Venedig ist ein Labyrinth. Venedig ist eine riesige Einkaufsstraße. Venedig ist all das und so viel mehr.
Wir wollten die unentdeckten Seiten Venedigs kennenlernen, die versteckten Winkel, falls es so etwas noch gab. Wir begaben uns auf die Suche, auf den Routen abseits der bekannten und abgetretenen Straßen.
Man merkt, dass man auf dem richtigen Weg ist, wenn die Geschäfte weniger und das Italienisch auf den Straßen mehr wird. Wir staunten und fotografierten, kamen auf menschenleere Plätze und waren stolz auf unseren Entdeckergeist. Langsam aber sicher machte sich der Hunger bemerkbar, wie es eben so ist, wenn man ohne Ziel stundenlang unterwegs ist.
An Trattorias und Osterias mangelt es in Venedig wahrlich nicht. Genausowenig wie an Geschäften für überbordend geschmückte Masken umd Boutiquen für jedes Geldbörsel. Doch es konnte nicht irgendein Lokal sein. Unzählige ließen wir aus den unterschiedlichsten Gründen links liegen. Es musste etwas Besonderes sein.
Ein Tisch im Freien, üppig mit Essen zur Selbstbedienung beladen, weckte unsere Aufmerksamkeit. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass die Besitzerin des Weinlokals zu dem der Tisch gehörte den Geburtstag ihres verstorbenene Mannes feierte, "Man muss die Geburtstage feiern, auch wenn die Menschen nicht mehr auf der Erde sind", meinte sie und lud uns zu Wein und Häppchen ein. Wir sollten so viel zahlen, wie wir wollten, sagte sie.
Endlich sich nicht wie ein wandelndes Geldbörsel fühlen, keine Cashcow sein. Einfach von Mensch zu Mensch. Am Rande des Kanals, auf dem Boden sitzend, aßen wir kleine panierte Fische und Salat mir Couscous und Käse. Neben anderen angeheiterten Menschen tranken wir unseren Wein. Hunde bettelten an Leinen zerrend um Reste und bekamen nichts. Kinder spielten am Boden und zeichneten Unerklärliches mit Kreide. Ein Hund kackte unweit auf den Boden, ausgerechnet vor dem Zigarettenautomaten, jemand stieg beim Zigarettenkauf hinein und verteilte den Dreck auf seinem weiteren Weg. Infolge dessen schmierten die Kinder ihre behosten Knie hinein – niemand achtete darauf, nur wir allein verfolgten diesen unbemerkten Sketch.
Venedig wurde zu einer Stadt, kein Disneyand mehr. Eine Stadt mit lebenden Menschen die feierten und sich betranken, lachten und schrien. Eine sympatische Stadt.

Make believe

Jemand mit einer Mütze, wie man sie bei Temperaturen unter 10°C auf hätte, setzt sich an den Tisch neben us. Es ist Sommer, wir sitzen auf einer Terrasse an der Margaretenstraße. Ein lauer Samstag Abend. Viele von den Leuten die hier sitzen, zwischen 20 und 35 Jahre alt, haben Tattoos, tragen unkonventionelle Kleidung, manche haben große Brillen mit auffälligen Rahmen auf. Ich nenne sie, ebenso wie den Mützenträger, die Pretenders. In den 90er Jahren ließ man sich ein „Arschgeweih“ stechen, heute einen „Sleeve“. Es gibt wenige Leute, an denen Tattoos wirklich authentisch wirken. Der Rest ist dazu verdammt, nach dem Ende des Trends mit auf ewig eingestochenen Peinlichkeiten dazustehen. Manche von ihnen werden den Gegenwert eines Kleinwagens dazu aufwenden, die Tinte unter der Haut wieder los zu werden. Doch das sind Nebenschauplätze.

Die Pretenders sind jener Schlag von Menschen, die, so habe ich das Gefühl, mit allem, was sie tun, beeindrucken wollen. Und nicht nur das, sie wollen ein bewusst entworfenes Bild von sich zeichnen. Sie sind nicht einfach nur, sie wollen sein. Sie verkörpern die Analogie zu dem Spruch „Wir arbeiten in einem Job, den wir hassen, um uns Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“ Nur dass sie ihr Tun in die Welt des Seins verlagert haben. Ein anderer dieser Sprüche, die sich im Internet ausbreiten, wie eine Seuche: „Sein statt Haben.“ Ja, sie wollen sein. Sie wollen kein dickes Auto, keine Einfamilienhaus, keinen Pool, keine Trophy-Ehefrau haben. Sie wollen jemand bestimmtes sein. Dafür schmücken sie ihren Körper auf eine bestimmte Art und Weise, die ich wohl am besten mit dem Pinterest-Look beschreiben kann. Sie machen tolle Reisen um zu zeigen, wie viel sie gelernt haben. (Das Internet sagt, „nicht zu reisen ist, als würde man nur eine einzige Seite des Buches lesen“.) Als Symbol dafür lassen sie sich eine Windrose in den Unterarm stechen oder die Umrisse der Kontinente auf den Fußrücken.

Ich bewundere Menschen, die authentisch sind. Mit oder ohne Tattoos. Menschen, die sich ausdrücken in dem wie sie sind und sich selbst vertreten. Pretenders sind die Abziehbilder jener Menschen. Sind die einen mutig und verwegen, machen die anderen etwas, um so zu wirken. Sind die einen spontan und unberechenbar, veranstalten die anderen ein großes Theater, um den Eindruck zu erwecken.
Ich habe Personen kennengelernt, die aussahen, wie strenge Volksschullehrerinnen, die aber zu Elektronischer Musik sechs Stunden am Stück durch die Nacht tanzen konnten. Und nicht um jemanden zu beeindrucken – aber mich hat es beeindruckt. Authentisch ist, wenn man sich einen Dreck darum schert, wie man rüberkommt; wenn man sich einfach ausdrückt um man selbst zu sein, ohne vorher über das Gesamtbild nachzudenken.

Pretenders sind das lebendige Äquivalent zur PR-Kampagne. Sie sind ihre eigene Kampagne. Sie vermarkten sich, um ihren Wert zu optimieren. Daher lassen sie sich relativ schnell kategorisieren. Bewusst oder unbewusst wählen sie eine Zeichensprache, die andere vorgeprägt haben und die sich irgendwann zu einer Stilrichtung entwickelt hat. Bestimmte Kleidung, bestimmter Schmuck, bestimmte Tätowierungen und alles aufeinander abgestimmt.

Zurück zum lauen Samstag Abend im Schanigarten auf der Margaretenstraße. Unweit von uns unterhalten sich eine Gruppe junger Menschen abwechselnd auf englisch und deutsch. Ich kann nicht erkennen, ob aus Notwendigkeit oder zum Spaß. Eine junge Frau spricht ihr Englisch in für mich makelloser britischer Aussprache. Ein bisschen bin ich neidisch auf sie. (Als ich mich mal auf englisch aufgenommen und es mir dann vorgespielt habe, habe ich mich dafür geschämt.) Dann wechselt sie zurück ins Deutsche. Dieses wiederum kann ich nicht zuordnen – nicht einmal ob österreichisch oder „deutsch-deutsch“. Ich nehme noch einen Schluck von meinem Bier, das langsam seine Wirkung zeigt. Schon nach der Hälfte des ersten Glases. Die Hitze und der nahezu leere Magen machen es möglich. Ich grinse meine Begleitung an; „na Oida“, sagt er, als wüsste er, woran ich gerade denke.