Mein Fahrradunfall

Oder

Wie ich mit einer gebrochenen Rippe ins Krankenhaus kam und mit derselben plus einer schlimmen Erkältung wieder heraus

In Retrospektive lässt sich natürlich leicht reden – denn ja, es hätte viel schlimmer kommen können. Ich bin sehr froh, relativ glimpflich davongekommen zu sein und schätze mich glücklich.
Doch alles der Reihe nach. Es war ein Freitag Nachmittag. Ich war extra früher aus der Arbeit gegangen um noch ein paar Besorgungen zu machen, nach Hause zu fahren um mit dem Hund zu gehen und dann um 6 Uhr Abends auf einer Geburtstagsfeier zu sein. Ich war noch halbwegs gut im Zeitplan und mit dem Rad unterwegs – unabhängig, flott, dynamisch, wie man so schön sagt. Die Ampeln hatten mich schon den ganzen Tag aufgeregt. Wie immer, wenn ich die Route am Gürtel fahre. Man steht alle paar hundert Meter, manchmal sogar ungelogen für bis zu fünf Minuten. Ich finde das sollte nicht sein. Schon gar nicht, wenn man mit dem Fahrrad fährt, da tut man allen anderen eh schon einen Gefallen (weil weniger Autos auf den Straßen, als wenn man mit dem Auto gefahren wäre und auch weniger volle U-Bahnen und Busse und Straßenbahnen, als wenn man mit den Öffentlichen gefahren wäre). Aber sei’s drum – das wäre ein anderer „Rant“.
Dynamisch, wie ich bin, fuhr ich also meine bekannten Routen ab. Die kenne ich schon in und auswendig, weiß welche Ampel, wann auf grün schaltet, und wie viel Zeit einem dann noch bleibt, bevor sich die nächste Warte-Session einstellt. Nur noch wenige Hundert Meter vor dem Ziel, springt eine Ampel auf grün, ich sehe es von weitem und lege einen Zahn zu, denn viel Zeit bleibt nicht. Ich erreiche die Ampel immer noch bei grün und überquere die Straße, als das Licht gerade anfängt zu blinken. Ich bin schon fast auf der anderen Seite, als ich bemerke, dass ein Auto mir den Weg abschneiden wird. Ein Rechtsabbieger schiebt sich in meine Bahn. Ich habe nur noch Zeit zu realisieren – und es ist erstaunlich, wie viele Gedanken man in wenigen Zehntelsekunden haben kann – es wird heute nichts mehr mit der Party, denn es wird ein Aufprall (ich drücke fest auf die Bremsen); hoffentlich falle ich nicht auf den Kopf, ich habe keinen Helm auf; Mist ich fahre das gute Fahrrad, das kann ich jetzt auch vergessen. Dann der Impact. Ich fahre dem Auto voll in die vordere Seite. Irgendwie falle ich auf die Motorhaube, fühle einen Stich in den Rippen, rechte Seite hinten, lande dann irgendwie am Boden. Sofort sind ein paar Menschen um mich. Gingen die ersten paar Zehntelsekunden vor dem Aufprall wie in Zeitlupe, die ersten Sekunden danach waren wieder Zeitraffer. Ein Mann und dann noch einer reden auf mich ein. Wo es wehtut, ich solle mich nicht bewegen. Sie bringen eine Decke für meinen Kopf, rufen die Rettung. Bis die Rettung kommt merke ich, dass mir dass Atmen schwer fällt, weil die Schmerzen es mir nicht erlauben tief zu atmen. Ich keuche laut. Ich stöhne, denn ich muss auf der Seite liegen, die weh tut. Sie wollen nicht, dass ich mich umdrehe. Sie bringen noch einen Polster und tauschen die Decke unter meinen Kopf gegen den Polster um diese unter meine Seite zu legen. Dann kommt auch schon die Rettung. Mein Ersthelfer war zufällig Sanitäter. Sie tauschen Fachbegriffe aus, wie es um mich steht. Dann kommen sie mit dieser schmalen Bare und legen mich mit möglichst wenig Bewegungen rücklings darauf. Ich werde fixiert, besonders Hals und Kopf.
Im Krankenwagen ist die Sanitäterin eine nette Frau in meinem Alter, vielleicht ein bisschen jünger. Meine Daten werden von der inzwischen ebenfalls eingetroffenen Polizei aufgenommen. Ich bekomme ein Schmerzmittel intravenös. Sie legt mir einen Zugang im linken Handrücken. Ich hasse Zugänge. Tun sauweh und es stört mich, dass man jemandem, der eh schon Schmerzen hat, noch zusätzliche zuführt. Aber wenigstens wirken die Schmerzmittel. Sie machen mich auch schwindelig, genau wie mich die Krankenwagen-Sanitäterin vorgewarnt hatte. Sie erklärt mir, ich werde ins AKH gebracht und in den Schockraum kommen. Ich solle mich nicht schrecken, wenn gleich viele Ärzte um mich herum sein werden. Ich habe schon Bilder aus Emergency Room vor Augen und denke mir in meinem allgegenwärtigen Zynismus – endlich live erleben.
Die Fahrt ist kurz. Wir treffen im AKH ein. Ich werde irgendwie schon erwartet, genau wie in der Serie. Fachbegriffe schwirren durch die Luft. Stabil. Nicht intubiert.
Als erster stellt sich der Anästhesist vor. Ich habe das Gefühl er freut sich schon drauf mich unter Narkose zu legen. Dann sowas wie ein Internist, keine Ahnung. Ich merke mir keine Namen. Sie sind alle geschäftig. Alles geht ruck-zuck. Dass das auch mal möglich ist. Sonst muss ich immer stundenlang warten, wenn ich ins AKH gehe. Was zum Glück erst wenige Male der Fall war. Ich werde – genau wie in der Serie – auf ein andere Bett gehievt. „Auf drei, der Kopf zählt.“ Sie betasten mich, nein sonst tut nichts weh. Sie fangen an mich von allen Seiten auszuziehen. Meine Schuhe und Socken, meine Hose. Beim Shirt dauert es länger, da ich meine Arme nach obern halten muss. Au. Ob sie meinen BH aufschneiden dürfen. Ja. NEIN! Ist mein Lieblings-BH. Die Frau schmunzelt. Inzwischen habe ich längst den Überblick verloren, wer aller da ist. Die Frau öffnet den Verschluss des BHs unter meinem Rücken. Nachdem sie festgestellt haben, dass ich wahrscheinlich nichts am Kopf oder Wirbelsäule haben, sind sie nicht mehr gar so haglich. Geschafft. Alle Kleidungsstücke gerettet. Ich bekomme eine bereits vorgewärmte grüne Decke aus komischem, gummiartigen Material aufgelegt. Sie werden einen CT-Scan machen. Fragen mich nach Schmuck aus Metall, und sonstigem, ob ich was am Körper trage. Ich fürchte mich ein bisschen vor dem CT und weiß nicht mal warum. Es ist nicht die Röhre, sondern eines dieser Dinger, wo eine Art großer Ring über einem wandert. Wenigstens nicht die Röhre… Ich werde über das Kontrastmittel informiert, dass ich bald gespritzt bekomme. Es hat – was sonst – ein paar eigenartige Nebenwirkungen. Mir wird davon heiß werden und einen komischen Geschmack im Mund bekommen. Jedesmal wenn sie mir etwas über den „Zugang“ spritzen tut es so höllisch weh, dass ich darüber meine Rippenschmerzen vergesse und mich beschwere. Der Arzthelfer legt einen neuen. Gleiche Hand, ein bisschen aufwärts. Für kurze Zeit habe ich zwei dieser „Viecher“ in meiner Hand stecken, direkt hintereinander. Ich bitte ihn den ersten herauszunehmen. Zum Glück geht er meiner Bitte nach. Ich kann das Schläuchchen in meiner Vene bei jeder Bewegung schmerzhaft spüren. Der Andere Zugang ist nicht viel besser, aber ein wenig. Mit der Zeit werde ich den aushalten lernen, wird sich herausstellen. Sie lassen ihn zwei Tage drinnen, obwohl sie ihn nach dem Schockraum nie mehr verwenden werden.
Nach dem CT und Knieröntgen (dass im Liegen gemacht wird) stellt sich heraus, ich habe keine anderen Verletzungen, außer einer gebrochenen Rippe. Ich bin froh und denke mir, na jetzt bin ich mal durchgescannt. Sollte als Vorsorgeuntersuchung vorerst reichen…
Alle lehnen sich metaphorisch zurück. Der Chirurg hat nichts zum Aufschneiden, der Anästhesist niemanden zum anästhesieren. Ob sie froh darüber sind? Ich bin jedenfalls heilfroh nicht aufgeschnitten worden zu sein. Das war meine zweitgrößte Sorge.
Ich komme noch in einen Warteraum. Im Bett neben mir wird ein Serbe, der sich am Bein verletzt hat (ich konnte nicht sehen, wie genau), auf englisch über die Nebenwirkungen und Risiken einer bevorstehenden Operation aufgeklärt. Hämatome vom Liegen auf dem OP-Tisch seien möglich. Infektions-Risiken nähmen, aufgrund der Vergrößerung der Wunde, zu. Und vieles andere. Ich bin erstaunt, wie genau es die Ärzte handhaben. Und irgendwie froh. Nichts wird „schnell, schnell“ gemacht.
Dann besucht mich ein Polizist. Er sieht aus, wie aus einer Sitcom. Jung, ein bisschen mollig, aber irgendwie niedlich. Er geht mit mir noch einmal kurz den Unfallhergang durch. Er sagt mir, der Fahrer des Autos hatte seinen Führerschein erst seit 5 Tagen. Irgendwie tut mir der Fahrer leid…
Nach weiterem Warten werde ich endlich auf die Station gebracht, wo ich die Nacht verbringen werde. Das ist notwendig, damit sie später noch einmal meine Lunge kontrollieren können. Meine Gedanken kreisen darum, meinen Freunden bescheid zu geben, warum ich nicht auftauche und zu checken, wer meinen Hund versorgen kann, der ja noch immer in der Wohnung wartet. Beides wird sich später problemlos klären lassen.
Auf dem Weg zur Station scherzen Schwestern und Pfleger herum und necken sich gegenseitig wie 15jährige. Ich finde eine entspannte Arbeitsatmosphäre ja ganz nett, aber irgendwie mache ich mir gerade Sorgen, dass sie über den ganzen Schabernack irgendetwas an mir falsch machen. Mein intravenöser Zugang schmerzt noch immer und ich habe gerade ganz andere Sorgen.
Die Visite lässt nicht lange auf sich warten. Mir wird neben den sich obligatorischen Blutdruckmessungen, außerdem noch Blut für einen weiteren Test abgenommen. Stiche, Einstiche, immer wieder. Der Zugang wird dazu nicht verwendet. Der Arzt und der Pfleger, oder Arzthelfer, oder whatever, reden noch einmal mit mir über den Hergang. Der Helfer scherzt mit mir und ich habe Schmerzen beim unterdrückten lachen. Ich bitte keine Scherze mehr zu machen und grinse. Ich bin um ca. 50 Jahre unter dem Altersschnitt hier unter den PatientInnen. Wer kann es ihnen verübeln.
Leider entwickelt sich die lockere und nette Atmosphäre in den nächsten zwei Tagen weniger erfreulich. Eine Schwerster sagt mir mittags am nächsten Tag, ich sei bisher die einzige die Hallo gesagt hätte, alle anderen sagten nur „Schon wieder Essen. Schon wieder Sie.“ Dementsprechend sind die meisten Schwestern und Pflegerinnen auch gelaunt. Schlecht. Sie behandeln die Patienten, als seien sie keine wirklichen Menschen. Mit einer komischen Distanz. Anders als der Pfleger und der Arzt gestern. Mit der Zeit behandeln sie mich auch so. Umso länger ich hier bin, umso schlechter wird es. Vielleicht ist es, weil die Attraktion des „Neuen“ vorbei geht. Die Neue, die sich ein Rippe beim Fahrradfahren gebrochen hat, ist dann nicht mehr die Neue. Andere Patienten kommen herein. Ein Mann schreit jeden Tag beim Einschlafen laut um Hilfe oder schreit andere Dinge. Es ist ein bisschen wie im Irrenhaus. Ich bin vorerst allein im Zimmer, doch im Verlauf des zweiten Tages, bekomme ich eine Bettnachbarin, die sich den Arm gebrochen hat. Eine Alte Frau, wie ich später erfahre, ist sie 91.
Sie redet vor sich hin. Anfangs denke ich noch, sie redet mit mir. Dann merke ich, sie führt Zwiegespräche, wobei der Andere nicht da ist. Aber es ist immer jemand konkreter. Der Walter, oder die Ingrid. Es hört sich so an, wie wenn jemand telefoniert – man hört die Antworten, ohne die Fragen, oder Kommentare auf nicht gehörte Sätze. Aber es ist nicht sinnlos. Irgendwie machen die Dialoge einen abstrusen Sinn. Ich kann Teile davon mit Musik überbrücken; mein Kopfhörer schirmen relativ gut ab. Bis ich nicht mehr weiß, was ich hören soll, ich der Musik überdrüssig geworden bin und mich nur noch nach Stille sehne. Es wird Abend, es wird Nacht. Ich hoffe auf den Schlaf. Doch die Frau schläft nicht und sie wird es die ganze Nacht nicht tun. Sie durchlebt so etwas wie eine durchzechte Nacht in Wiens Caféhäusern und Bars. – Und nimmt mich mit, ohne dass ich es will. In meinem übermüdeten, in den Schlaf abschweifenden Hirn, baut sich die Umgebung passend zu den Dialogen auf. Immer wieder sagt sie Dinge wie, „Jetzt ist aber wirklich Schluss, meine Herren, die Damen sind schon bitterböse.“ Wenn ich nicht so entnervt und müde wäre, wäre das alles lustig und höchst interessant. Sie arbeitet sich an alten Beziehungen und sogar Affären ab. Sie versucht aber auch mehrmals aufzustehen, um etwas zu holen, greift immer wieder nach nicht vorhanden Dingen. Es ist als würde sie in einem Traum leben. Irgendwann denke ich mir, ob sie nicht wohl schläft und schlafwandelt. Ich muss mehrmals die Pfleger rufen, damit sie sich um die Frau kümmern, sie wieder hinlegen, ihr auf die Toilette helfen. Ich schlafe immer nur maximal zwei Stunden am Stück und auch dann nur halb.
Als der Morgen anbricht, habe ich das Gefühl ebenfalls verrückt zu werden. Das ständige Gerede im Hintergrund bringt mich in einen Zustand, als würde ich selbst schon halluzinieren; das wird wahrscheinlich vom Schlafentzug verstärkt. Ich bin müde und gereizt und will nach Hause. Ich merke, dass ich Halsweh bekomme und dass die Klimaanlage auf mich herunter bläst. Jedes Mal wenn ich vom Klo zurückkomme, nehme ich wahr, wie kalt es über meinem Bett eigentlich ist. Ich hoffe nur noch auf das versprochene Röntgen und dass ich bald nach Hause darf. Den Arzt hab ich seit dem Morgen vom Vortag nicht mehr gesehen. Infos bekomme ich nur spärlich auf Anfrage.
Ja, ich hatte auch Besuch in den zwei Tagen. Drei liebe FreundInnen haben mich abwechselnd besucht, einer hat mir ein paar Sachen von zuhause mitgebracht, die anderen mich mit Knabbereien und Lesestoff eingedeckt.
Insgesamt war die Erfahrung trotzdem eine, die kein gutes Licht auf das Krankenhaus wirft. Oder Krankenhäuser im Allgemeinen.
Patienten, die vor sich hin schreien, ärztliche Visiten alle 24 Stunden, unfreundliches Personal, die einem wie einen Unmündigen behandelt, im besten Falle, wie ein Kind. Ich habe von der Klimaanlage eine der ärgsten Erkältungen bekommen, die ich jemals hatte; verschlagene Ohren, verstopfter Nase und Nebenhöhlen, verschleimter Hals, höllische Kopfschmerzen. Die meiste Zeit wird man ignoriert. Die Therapie bestand in der Gabe von Schmerzmitteln.
Ich habe in den letzten Tagen nachgedacht. Zufällig ist in meiner „Timeline“ auf Facebook eine Meldung aufgetaucht, eine 37 jährige Frau sei in Deutschland neulich an Masern gestorben. Daraufhin ein Shitstorm gegen die „Impfgegner“ oder -kritiker. Die seien daran schuld.
Ich weiß nicht woran diese Frau gestorben ist, aber wenn die Krankenhäuser dort genauso sind wie in Österreich, könnte sie ebenso gut an eine durch die Klimatisierung ausgelöste Komplikation nach einer Erkältung oder sonst einer Krankheit gestorben sein. Oder an den Antibiotika resistenten Bakterien, von denen man immer hört. Es gibt viele Möglichkeiten im Krankenhaus zu sterben, glaube ich – die Frage ist, ob man an der Ursprungserkrankung stirbt.
Ein anderer Gedanke ist, dass all die komplizierte Technik und Diagnostik-Methoden, einen guten Arzt nicht nur nicht ersetzen kann, sondern wahrscheinlich auch abträglich ist. In meinem Fall (und ja, ich hatte Glück), wäre die gebrochene Rippen durch Anschauen des Rückens und abtasten leicht feststellbar gewesen. Ich kann die Rippe immer noch durch die Haut fühlen, wie sie hin und her hüpft; wenn ich das kann, kann das ein Arzt leicht. Die Lungenfunktion wäre durch wiederholtes Abhören und ständige Kontrolle der Lunge ebenso leicht überprüfbar gewesen. Ein Stethoskop genügt. Was wahrscheinlich auch besser wäre, als mir alle 36 Stunden ein Röntgen zu machen, dazwischen hätte ich längs ersticken können, auf meine Rufen hätte vielleicht niemand reagiert, weil eh alle ständig schreien. Eine Präsenz des Arztes wäre besser gewesen und auch die Anwesenheit von Krankenschwestern, denen wirklich was an einem liegt. Alles andere hat der Krankenhausaufenthalt nur verschlimmert.
Ich will nicht undankbar sein. Ich bin froh so schnell untersucht worden zu sein und vor allem keine tragischen Frakturen oder inneren Verletzungen, sowie Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule davongetragen zu haben. Aber alles in Allem, man könnte so viel mehr mit weniger Tamtam und mehr Personal erreichen! Und ich kann alle Menschen verstehen, die sich weigern in ein Krankenhaus zu gehen. Mehr denn je.
Nach 3 Tagen zuhause geht es mir besser. Die Erkältung hält sich hartnäckig, es sind abwechselnd verschiedene Teile meiner Nasennebenhöhlen verstopft, meine Ohren verschlagen, oder auch wieder nicht. Doch meine Rippe erlaubt mir bereits mich zu schnäuzen, was am 1.Tag zuhause nicht annähernd möglich war, und mich dazu zwang, wie ein Kleinkind mit ständig tropfender, voll gerotzter Nase herumzulaufen. Das Schlafen war dementsprechend schwer.
Ich habe gute FreundInnen und NachbarInnen, die mir aushelfen – mit dem Hund spazieren gehen, oder mir anbieten für mich einkaufen zu gehen. Es beweist auch, dass eine Großstadt nicht nur anonym ist, sondern auch sehr sozial. Sie ist so anonym, wie man sie braucht oder will, aber sie kann auch viel Menschlichkeit anbieten. Ich fühle mich gut aufgehoben und bin zuversichtlich. Durch den Rippenbruch habe ich auch wieder viel gelernt. Dass es Menschen gibt, die einfach so ihre Hilfe anbieten, selbstlos, ohne etwas davon zu haben. Dass der Körper ein unglaubliches Wunderwerk ist, mit bemerkenswerten Selbstheilungskräften. Dass es das Wichtigste ist zusammenzuhalten – gute Freunde zu haben, sich gegenseitig zu helfen, einfach den Personen um sich zu helfen. Diese Lektion kommt immer wieder an erster Stelle.

Entlang des Rheins, oder: Eine Übung im Loslassen

Ich habe schon einmal darüber geschrieben, dass Kilometerzahlen nicht wichtig sind. Dieser Meinung bin ich auch immer noch. Trotzdem mal was zu den Kilometern: Ich habe jetzt fast 800 km am Tacho – 784 um genau zu sein. Meine Tagesetappen liegen inzwischen bei mehr als 70 km und ich könnte locker länger fahren, denn ich bin in den letzten Tagen schon um 3 Uhr Nachmittags mit den 70 km fertig, die ich mir vorgenommen hatte. (Ich muss zugeben, dass es am Rhein die meiste Zeit eben dahingeht, ohne Steigungen. Die einzigen Steigungen, die es gibt, führen auf Brücken, oder davon hinunter, durch Unterführungen unter der Bahn oder unter Straßen.) Und ich muss zugeben, ich bin ein bisschen stolz auf mich. Fast 800 km (am Stück) hätten früher unerreichbar geklungen. 80 km am Tag, ein Ding der äußersten Verausgabung. Heute ist das „normal“.

Ich habe außerdem gemerkt, wie sich einige Dinge für mich verändert haben: Früher dachte ich bei 20 km, „Boah, viel!“, heute denke ich, „Ah, bin gleich da.“ Alles unter 30 km ist quasi fast in der Nähe. Natürlich brauche ich für die 20 km trotzdem über eine Stunde, doch ich bin schon so daran gewöhnt fast den ganzen Tag auf dem Fahrrad zu sitzen, dass eine Stunde nicht mehr viel ist. Ich merke auch unterwegs, dass ich die Fahrt mehr genießen kann. Ich sehe mir die Landschaft an, halte öfter als früher an, um ein Foto zu machen, ich höre langsam auf, mir vorzuwerfen, dass ich zu viele Pausen mache. Ich dachte bisher immer, „ein bis zwei Stunden muss ich schon durchfahren, dass was weitergeht.“ Blödsinn. Es geht auch so sehr viel weiter. Wie gesagt, ich war heute um halb vier am Campingplatz, nach ca. 74 km Fahrt. Ich habe unzählige Male angehalten, um Fotos zu machen, um zu essen, um mein Fahrrad zu checken, weil ich irgendwelche komischen Geräusche hörte, um die Jacke auszuziehen, um sie wieder anzuziehen, um Beeren zu naschen und mit jemanden zu plauschen, usw., usf.

Ich merke jetzt schon, wie viel diese Art von Reisen mit „Loslassen“ zu tun hat. Ein Thema, wofür ich mich schon länger interessiere. So wie ich reise, ohne vorher die Übernachtungen zu reservieren, muss man loslassen, nicht 100 Prozentig genau zu wissen, wo man schlafen wird. (Natürlich schaue ich mir am Tag davor an, wo es Campingplätze gibt). Man muss loslassen, dass das Wetter immer perfekt sein muss. Man muss loslassen, nicht genau zu wissen, was in ein oder zwei Tagen sein wird. Es kann das Wetter so schlecht sein, dass man nicht weiterfahren will. Oder man verbringt irgendwo so eine gute Zeit, dass man länger bleiben will. Oder man ändert die Route. Oder, oder, oder. Generell, Loslassen von fixen Vorstellungen. Nicht immer die Kontrolle haben – das ist eine große Herausforderung. Und ich bin noch lange nicht über all diese Punkte hinweg. Aber ich merke, es wird besser.

Gestern und Heute bin ich den Rhein von Mainz bis Bonn gefahren, von Süden nach Norden. Diese Strecke ist landschaftlich besonders ansprechend und zu Recht UNESCO-Kulturerbe. Links und rechts des Rheins erheben sich sanfte Hügel mit Weinbergen und Wäldern. Fast auf jedem von Ihnen steht ein Schloss oder eine Ruine. Die Orte entlang des Rheins sind fast kitschig hübsch anzusehen. Überall die leicht schiefen Fachwerkhäuser, die mir so gefallen und große Kirchen und Kathedralen.

Ab morgen geht es weg vom Rhein, Richtung Westen, nach Aachen. Dort habe ich über die nette Bekanntschaft aus Nürnberg wahrscheinlich eine private Übernachtungsmöglichkeit.

Unten ein paar Fotos der letzten zwei Tage. Aufgrund des Regens sind die Fotos von gestern leider nicht sehr toll geworden. In Natura waren die Aussichten viel imposanter.