Ricks Farm und andere Eigenarten

Letzter Tag auf dem sogenannten „Pferdehof“ in der Nähe von Veurne, Belgien. Es ist Sonntag. Letzten Montag, also vor sechs Tagen kam ich an. Diese letzten Tage waren gefühlsmäßig seltsam neutral. Weder war ich besonders gut gelaunt, noch besonders schlecht. Ich habe mich manchmal komisch deplaziert gefühlt, nicht dazugehörig. Normalerweise wird man bei workaway mehr oder weniger in das allgemeine Leben mit einbezogen. Hier nicht. Ich habe mein Häuschen, meine Aufgaben, die ich alleine erledige. Drei Mal am Tag, oder manchmal auch vier Mal werde ich für die Hauptmahlzeiten und eventuell einen Snack zwischendurch ins Haus gerufen. Die Tür zum Haupthaus ist von Außen nur mit Schlüssel zu öffnen. Es war also offensichtlich nicht erwünscht, dass ich jemals selbständig hineinkonnte. Die 13jährige Tochter „kümmerte“ sich um mich, wenn die Mutter unterwegs war. Das heißt sie richtete Frühstück oder Mittagessen für mich her. Wie seltsam.

Brügge und Heimweh

Brügge – mein großes Ziel. Mein Etappenziel, jedenfalls. Ich habe es vorgestern am frühen Nachmittag erreicht. Und wie war Brügge? Ich kann mich gar nicht dazu entschließen, darüber zu schreiben weil ich seit kurzem so unglaubliches Heimweh habe.

Gestern Abend, als ich gerade dabei war auf einer gekiesten Einfahrt Unkraut zu rupfen, war es soweit. Ich habe es mir eingestanden: Mein Heimweh ist unübersehbar geworden. Schon seit Tagen regt sich etwas in mir und ich kämpfe damit. Ich wollte eigentlich nicht so schnell nach hause. Aber ich vermisse alles. Meine Freunde, meine Familie, meinen Hund, meine Wohnung, ja auch Wien – meine gewohnte Umgebung. Wenn ich an all dies denke, steigen mir schon wieder unvermittelt Tränen hoch. Ich kann es nicht mehr wegschieben – vielleicht bin ich einfach nicht der Typ für so lange Trips. Es war schön, aber es war. Ich mag jetzt wieder nach Hause.

Warum rupfe ich Unkraut? Ich bin gestern Nachmittag auf einem Pferdehof in der Nähe von Veurne angekommen. Hier will ich eine Woche bleiben und gegen Mahlzeit und Unterkunft überall mithelfen.

Und nun zu Brügge: Ja, sie ist schön, diese Stadt. Gestern bin ich auf den Turm gestiegen. Er hat ein Glockenspiel, ähnlich einer Musikbox, nur in riesig. Zu jeder viertel Stunde spielen die Glocken des Turms eine Melodie.

Die Flüsse und Kanäle sind romantisch, besonders wenn die Schwäne darin vorbeigleiten. Das wissen auch die Hoteliers, die ihre anliegenden Luxusunterkünfte Le Swan und sowas nennen.

Die Häuser sind wunderschön – die meisten in gotischem Stil, viele mit diesen für diese Region typischen, getreppten Giebeln. Und wenn man mal abseits der Hauptrouten geht, wo man teilweise fast gar keine Menschen antrifft, kann man so richtig diese besondere Atmosphäre genießen, wo man sich ein bisschen in der Zeit zurückversetzt fühlt. Wo die Stille nicht Einsamkeit bedeutet, sondern lang ersehnte Ruhe.

Man könnte sich den ganzen Tag mit Schokolade in allen Formen vollstopfen, denn sie wird alle paar Meter in unglaublich ansprechenden Geschäften angeboten. Besonders an den Pralinen kann ich mich gar nicht sattsehen und sattessen. Als ich des Nachts durch das romantisch beleuchtete Brügge spazierte (man muss Brügge doch mal unbedingt bei Nacht sehen), habe ich mir als Trost, dass ich mir das jetzt alleine antun muss, ein Säckchen mit Pralinen gekauft und so lange davon gegessen bis mir schlecht wurde. Ein bisschen Trost haben sie gespendet.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Vielleicht ist einfach meine magische Grenze ein Monat. Aber ich kann nur mehr weniges genießen. Ich muss immerzu an zuhause denken. Ich mache mir selbst schon Vorwürfe deswegen, aber ich sollte es einfach sein lassen, „Schei* drauf“ sagen und heim fahren. Es ist, wie es ist.

Seit heute bin ich dabei meine Reise nach Hause zu planen. Es ist gar nicht so einfach, weil man in den ICEs z.B. keine Fahrräder mitnehmen kann. Aber ich bin nah dran doch noch was zu organisieren…

PS: Da das Internet hier so unglaublich langsam ist, kann ich die Bilder erst später nachreichen.

Die etwas anderen Ärgernisse am Land

Während der Arbeiten, sei es beim „Reutern“ (das aufhängen von halbtrockenem Heu auf Drähte, die zwischen Bäumen – oder Pfählen – gespannt sind) oder misten (düngen von Pflanzen mit Pferdemist), habe ich immer wieder lange und interessante Gespräche mit Peter (der Eigentümer der Farm). Ich habe ihn gefragt, ob er denn gut in die Dorfgemeinschaft integriert sei und daraus hat sich ein längeres Gespräch entwickelt. Immer wieder kommen wir auf die selben Themen – Themen die auch mich in der Vergangenheit viel beschäftigt haben und noch immer beschäftigen: Er ist frustriert und teilweise wütend über die Achtlosigkeit der Menschen – darüber dass sie nicht an Bio-Produkten interessiert sind, dass immer nur „konventioneller“ Landbau betrieben wird und massenweise chemischer Dünger ausgefahren wird. Dass sie selbst die kürzesten Strecken mit dem Auto zurücklegen, dass auch im Kindergarten die Kinder für jede Strecke mit dem Auto kutschiert werden, statt einmal den Bus oder das Fahrrad zu nehmen – „Was wäre das für ein Spaß für die Kinder, den Bus zu nehmen“, sagt Peter, „stattdessen werden sie im Auto festgeschnallt, das muss für die ja total fad sein.“

Nein, er habe keine gute Beziehung zu den Leuten hier. „Die reden mehr über mich, als mit mir.“ Aber ihn würde das auch nicht sonderlich interessieren, „so beschränkt, wie die hier alle sind“, sagt Peter.

Ich kann das verstehen. Er sieht sich um und erzählt, wie sich in den letzten 15 Jahren, seitdem er hier den Hof betreibt, Dinge verändert haben. Wie sich das Wetter, die Tier- und Pflanzenwelt verändert hat. Es sind neue Mücken gekommen, die es früher hier nicht gab. Es gibt eine neue höchst giftige, gelbe Blume (Jakobs-Kreuzkraut), die bei Tieren und Menschen Leberzirrhose verursacht und die er ausrupfen muss, damit seine Schafe und Pferde nicht daran erkranken. Er merkt die Klimaveränderung, sagt, dass es ein Jahr fast gar nicht regnet, im nächsten Jahr viel zu viel; er erzählt von endenden Ressourcen, nicht nur Erdöl, sondern auch beispielsweise Phosphate, die stark bei der Düngung eingesetzt werden, eine Ressource die endlich ist; wenn wir sie aufbrauchen, werden spätere Generationen nichts mehr davon haben. Er erzählt von der Überdüngung der Meere und von Todeszonen in den Ozeanen, die immer mehr werden, wo so gut wie keine Lebewesen überleben können, erwähnt das Artensterben.

Er ärgert sich, dass sich die anderen Landwirte so gar nicht dafür interessieren, „die wissen ja gar nicht, was sie mit dem Schmarrn anrichten, das sie da machen“, sagt Peter. – „Es wird ja auch nicht gelehrt“, sage ich. „Ein mal auf Youtube schauen genügt, einmal im Google eingeben genügt“, entgegnet er – und fährt fort:
„Schau dich doch mal um“, sagt er. – Ich sehe mich um. – „es ist doch jetzt schon alles ausgestorben. Kein Mensch auf den Feldern, alle hocken sie zuhause vor dem Fernseher.“ Und es stimmt. Alles leer. So weit das Auge reicht, nur Felder. Gelbe Felder und grüne Felder. Dazwischen kein Baum, kein Strauch, keine Menschen, nichts. Nur auf Peters Parzelle stehen zwei, circa 50 Meter lange Reihen mit Pappeln, die er vor ziemlich genau zehn Jahren gepflanzt hat. Heute nutzt er sie zum „Reutern“ (siehe erster Absatz), doch er kann sie in Zukunft auch für Brennholz nutzen, falls mal Bedarf da sein sollte, den zurzeit hat er eher zu viel, als zu wenig Brennholz.

Aber er ist nicht so zufrieden, wie er es gerne wäre. „Es ist die beste Art zu leben“, antwortet er auf die Frage, ob ihm die Arbeit Spaß macht. Aber im Feld nebenan haben sie einen Schweinebetrieb mit Biogasanlage gebaut. Das Feld auf der anderen Seite seines Grundstücks wollte die Gemeinde in ein Gewerbegebiet umwandeln, was er gerade noch mit viel Aufwand verhindern konnte. Doch die Biogasanlage ist laut und versperrt die Sicht. Man sieht auf zwei hässlich Silos und eine hässliche lange Mauer. Die kann Peter den ganzen Tag betrachten, wenn er auf seinen Feldern arbeitet. Und sie ist nicht nur hässlich, sondern gleichzeitig scheinbar ein Mahnmal an die Ignoranz und Blindheit der Menschen. Sie erinnert ihn jeden Tag an seinen Kampf gegen die Windmühlen und daran, dass er fast alleine kämpft.

Der Hof – warum bin ich hier?

Bevor ich meine Reise angetreten habe, habe ich mir vorgenommen während dieser Zeit auch ein paar Aufenthalte mit workaway.info einzubauen. Wer „Wwoofen“ kennt, kennt auch workaway, denn das ist praktisch das gleiche: Man verbringt Zeit auf einem „Bauernhof“ oder bei workaway kann das auch jede andere Art von Lebensweise sein, bei einer Familie, einer Privatperson. Die Essenz ist jedenfalls, dass man bei einer Tätigkeit mithilft (auf der Homepage wird als Richtwert 6 Stunden pro Tag angegeben) und dafür bekommt man Unterkunft und Essen (man isst üblicherweise mit der Familie mit). Meistens wird man einfach in die Lebensweise der Gastgeber integriert.

Die Idee mit dem workaway hatte ich schon länger. Ich wollte gerne eine andere Lebensweise kennenlernen und „probeweise“ führen. Und dann liegt es nahe, wenn man schon einmal quer durch Europa reist, auch das parallel zu machen.

Darum bin ich also zur Zeit auf diesem bio-zertifizierten, Selbstversorgerhof. Sie halten 4 Schafe mit einem Bock, 5 Hühner und im Moment 5 Küken, 4 Pferde, von denen 3 zur Arbeit eingesetzt werden (Transport und landwirtschaftliche Arbeit). Die Schafe geben Milch und Wolle, die Hühner Eier. Sämtliche Erzeugung wird für den Eigengebrauch hergestellt. Peter, der „Hausherr“ ist, wie ich schon erwähnt habe, ziemlich begabt. Er ist ausgebildeter Ingenieur und hat eine riesige, unglaubliche Werkstatt. Mehrere Kreissägen,Hobelmaschinen, Drehbänke, Fräsen in Holz und Metall, unzählige „Bohrmaschinen“, fixe und Handgeräte sowie andere Geräte in der Größe sind nur einige wenige Beispiele aus seinem Inventar. Gestern hat er uns zwei Workawayern ein paar Dinge gezeigt, die er selbst hergestellt hat. Abgesehen davon, dass er sehr viele alte landwirtschaftliche Maschinen in Schuss gebracht hat um sie mit den Pferden zu nutzen, hat er beispielsweise ein Kupplungssystem entwickelt, mit dem er Anhänger und Lenkstangen beliebig kombinieren kann. Klingt jetzt nicht aufregend, ist aber in der Praxis faszinieren und äußerst praktisch!

Er hat uns auch seine Philosophie für den Hof bzw. seine Lebensweise erklärt: Um nachhaltig zu leben, stehen rein rechnerisch jedem Menschen auf dem Planeten 2000 Quadratmeter landwirtschaftliche Fläche zu. Seiner Rechnung nach sollte man 1000 m2 für die Ernährung benutzen und 1000 für die Herstellung von Energie für den Transport/Mobilität (z.B. Futter für Pferde). Daher wollen sie in Zukunft ihre Fläche auf 8ha verdoppeln und 40 Personen versorgen (oder 80 Personen zum Teil versorgen). Ob die 2000 bzw. 1000 m2 wirklich stimmen, kann ich nicht beurteilen. Bewundernswert finde ich jedoch, dass er sich darum bemüht, nachhaltig und nach seinen Prinzipien zu leben. Er findet, dass nicht nachwachsende Rohstoffe mit äußerster Sparsamkeit eingesetzt werden müssten (Öl, Kohle, seltene Erden…), damit auch noch die Menschen in einer Million Jahren (so sagt er) noch etwas davon haben. Auch würde bei so einer sparsamen Verwendung die Emission so gering sein, dass sie nicht ins Gewicht fallen und unseren Lebensraum nicht schädigen würde.

Wie viele Menschen sagen „eigentlich sollte man“, schaffen es jedoch nicht etwas an ihrem Lebensstil zu ändern. Peter will zeigen, dass es auch anders geht. Sie essen Obst und Gemüse, Kartoffeln und Getreide aus eigenem Anbau. Von Eiern und Milch habe ich schon gesprochen. Fleisch wird fast nie konsumiert, außer es wird einmal ein Schaf oder Huhn geschlachtet. Ich denke das passiert äußerst selten.

Die Arbeit ist körperlich anstrengend, aber man macht Bewegung, hält sich viel im Freien auf und beschäftigt sich ausnahmslos mit Menschen, Tieren und Pflanzen. Stellt nur her, was man benötigt und lebt im Rhythmus mit der Natur. Was kann näher an einer gesunden, natürlichen Lebensweise liegen?
Ich finde es jedenfalls soweit ganz interessant und möchte mir in Zukunft gerne noch andere Beispiele ansehen, von Menschen, die eine natürliche, gesunde Lebensweise anstreben.