Der Hof – warum bin ich hier?

Bevor ich meine Reise angetreten habe, habe ich mir vorgenommen während dieser Zeit auch ein paar Aufenthalte mit workaway.info einzubauen. Wer „Wwoofen“ kennt, kennt auch workaway, denn das ist praktisch das gleiche: Man verbringt Zeit auf einem „Bauernhof“ oder bei workaway kann das auch jede andere Art von Lebensweise sein, bei einer Familie, einer Privatperson. Die Essenz ist jedenfalls, dass man bei einer Tätigkeit mithilft (auf der Homepage wird als Richtwert 6 Stunden pro Tag angegeben) und dafür bekommt man Unterkunft und Essen (man isst üblicherweise mit der Familie mit). Meistens wird man einfach in die Lebensweise der Gastgeber integriert.

Die Idee mit dem workaway hatte ich schon länger. Ich wollte gerne eine andere Lebensweise kennenlernen und „probeweise“ führen. Und dann liegt es nahe, wenn man schon einmal quer durch Europa reist, auch das parallel zu machen.

Darum bin ich also zur Zeit auf diesem bio-zertifizierten, Selbstversorgerhof. Sie halten 4 Schafe mit einem Bock, 5 Hühner und im Moment 5 Küken, 4 Pferde, von denen 3 zur Arbeit eingesetzt werden (Transport und landwirtschaftliche Arbeit). Die Schafe geben Milch und Wolle, die Hühner Eier. Sämtliche Erzeugung wird für den Eigengebrauch hergestellt. Peter, der „Hausherr“ ist, wie ich schon erwähnt habe, ziemlich begabt. Er ist ausgebildeter Ingenieur und hat eine riesige, unglaubliche Werkstatt. Mehrere Kreissägen,Hobelmaschinen, Drehbänke, Fräsen in Holz und Metall, unzählige „Bohrmaschinen“, fixe und Handgeräte sowie andere Geräte in der Größe sind nur einige wenige Beispiele aus seinem Inventar. Gestern hat er uns zwei Workawayern ein paar Dinge gezeigt, die er selbst hergestellt hat. Abgesehen davon, dass er sehr viele alte landwirtschaftliche Maschinen in Schuss gebracht hat um sie mit den Pferden zu nutzen, hat er beispielsweise ein Kupplungssystem entwickelt, mit dem er Anhänger und Lenkstangen beliebig kombinieren kann. Klingt jetzt nicht aufregend, ist aber in der Praxis faszinieren und äußerst praktisch!

Er hat uns auch seine Philosophie für den Hof bzw. seine Lebensweise erklärt: Um nachhaltig zu leben, stehen rein rechnerisch jedem Menschen auf dem Planeten 2000 Quadratmeter landwirtschaftliche Fläche zu. Seiner Rechnung nach sollte man 1000 m2 für die Ernährung benutzen und 1000 für die Herstellung von Energie für den Transport/Mobilität (z.B. Futter für Pferde). Daher wollen sie in Zukunft ihre Fläche auf 8ha verdoppeln und 40 Personen versorgen (oder 80 Personen zum Teil versorgen). Ob die 2000 bzw. 1000 m2 wirklich stimmen, kann ich nicht beurteilen. Bewundernswert finde ich jedoch, dass er sich darum bemüht, nachhaltig und nach seinen Prinzipien zu leben. Er findet, dass nicht nachwachsende Rohstoffe mit äußerster Sparsamkeit eingesetzt werden müssten (Öl, Kohle, seltene Erden…), damit auch noch die Menschen in einer Million Jahren (so sagt er) noch etwas davon haben. Auch würde bei so einer sparsamen Verwendung die Emission so gering sein, dass sie nicht ins Gewicht fallen und unseren Lebensraum nicht schädigen würde.

Wie viele Menschen sagen „eigentlich sollte man“, schaffen es jedoch nicht etwas an ihrem Lebensstil zu ändern. Peter will zeigen, dass es auch anders geht. Sie essen Obst und Gemüse, Kartoffeln und Getreide aus eigenem Anbau. Von Eiern und Milch habe ich schon gesprochen. Fleisch wird fast nie konsumiert, außer es wird einmal ein Schaf oder Huhn geschlachtet. Ich denke das passiert äußerst selten.

Die Arbeit ist körperlich anstrengend, aber man macht Bewegung, hält sich viel im Freien auf und beschäftigt sich ausnahmslos mit Menschen, Tieren und Pflanzen. Stellt nur her, was man benötigt und lebt im Rhythmus mit der Natur. Was kann näher an einer gesunden, natürlichen Lebensweise liegen?
Ich finde es jedenfalls soweit ganz interessant und möchte mir in Zukunft gerne noch andere Beispiele ansehen, von Menschen, die eine natürliche, gesunde Lebensweise anstreben.

Wie ich die Versagensangst loslasse

Erstaunlich, wie schnell aus einem „Herzenswunsch“ etwas werden kann, wo man Druck verspürt, es zu erfüllen und damit eine Versagensangst entstehen kann, die wiederum, so glaube ich, kontraproduktiv ist. Denn wahre Freiheit und Kreativität kann, meiner Meinung nach, nur dann stattfinden, wenn es keinen Druck gibt, keine Angst. Dann kann sich Kreativität und Lebensfreude frei entfalten.

Doch als ich auf dem Fahrrad saß und in meinem Kopf entschieden hatte, dass ich die Reise unterbrechen werde, um Rayo nach Wien zu bringen, kamen sofort diese Gefühle und Gedanken: Die Leute werden sagen, ich habe versagt. Ich begann mich ein bisschen schlecht dafür zu fühlen, weil ich eines gesagt hatte und nun anderes machen würde. Allen habe ich erzählt, ich würde mit dem Rad und Anhänger mit Hund durch Europa fahren. Ich würde ein paar Monate weg sein – und nun sollte ich nach ein paar Tagen wieder kommen.

Doch nachdem ich diese Gefühle und Gedanken wahrnahm und zuließ, begann ich zu analysieren, warum es sie gab. Hatte ich mir die Aufgabe nicht selbst gestellt? Hatte ich nicht gesagt, wenn alles schief geht, kann ich noch immer einfach mit dem Zug heimfahren? Warum sollte ich mich jetzt schlecht dafür fühlen?

Wann hat man überhaupt versagt?

Genauso wie „falsch“ oder „richtig“ im Prinzip nur vor einem „Rahmen“ beurteilt werden kann, der grundsätzliche Regeln vorgibt und der eine Beurteilung in „den Regeln nicht entsprechend“ oder „den Regeln entsprechend“ zulässt, so kann auch Versagen nur vor dem Hintergrund beurteilt werden, welches Ziel denn zu erfüllen war und ob dies stattgefunden hat oder nicht.

Wenn das Ziel war, durch Europa in einem Stück durchzufahren mit Anhänger und Hund im Schlepptau, ja, dann habe ich versagt. Doch das war ja gar nicht unbedingt das Ziel. Das Ziel für die kommenden sechs Monate ist, Neues auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln; das Leben tiefer auszukosten und auszureizen. Und wenn man das als Ziel hat, dann habe ich nicht versagt. Ich habe neue Erfahrungen gemacht, ich weiß jetzt, was ich vorher nicht wusste, habe neue Eindrücke gesammelt und werde jetzt, da die sechs Monate noch lange nicht um sind, wieder weitermachen.

Der Rahmen, den ich mir selbst gesetzt habe und setze, lautet: Koste diese sechs Monate voll aus und hol möglichst viel raus, an Leben. Denn das ist das Leben: Eindrücke verarbeiten, Neues lernen. Neues kennen lernen. Verstehen. Nachdenken. Spüren. Im Endeffekt auch Leiden: wenn ich dann wieder auf dem Rad sitze, mein Hintern weh tut und meine Oberschenkeln, mir Sonne oder Regen auf den Kopf schlägt, meine Lungen von einem harten Anstieg ein bisschen brennen – dann ist das auch ein bisschen Leiden. Aber es ist auch Leben.

Heimkommen und Weggehen

Das Reisen hat noch einen anderen Vorteil, neben all den neuen Eindrücken und Erfahrungen, die man sammelt: Man lernt auch das mehr zu schätzen, was man schon hat.

Als ich am Mittwoch wieder in Wien angekommen bin, war das wie eine Erleichterung: Ich bin zuhause. Hier kenne ich mich aus. Ich weiß, wo ich schlafen werde und mein Bett ist bequem und beruhigend. Als ich die Tür zu meiner Wohnung öffnete, spürte ich schon, dass ich sie mag. Ich mochte, wie es drinnen aussah, ich mochte die Sicherheit, die sie ausstrahlt.

Ich genoss es so sehr wieder zu Hause zu sein, dass ich mir sofort anfing Sorgen zu machen, ob ich wohl je wieder weg wollen würde. Ich dachte mir, was ist, wenn ich gar keine Lust mehr auf Reisen haben werde? Soll es das schon gewesen sein. Vier einhalb Tage Fahrrad fahren? War das das große Abenteuer?

Sofort kam auch die Versagensangst ins Spiel. „Ich werde es nicht mehr schaffen. Ich werde mich lächerlich machen.“ Denn ich habe ja schon so viel Wirbel um diese Reise gemacht, dass ich nun einen selbst erzeugten Druck verspüre, es durchzuziehen. Über das Versagen und Versagensangst will ich gleich noch mehr sagen, doch zuerst zurück zum Ankommen und Weggehen.

In den letzten paar Tagen habe ich mein Fahrrad auf Vordermann bringen lassen, denn die Platte, wo der Fahrradständer angebracht war, hatte sich von all dem Gewicht verbogen und der Ständer funktionierte nicht mehr. Das Fahrrad konnte nicht mehr alleine stehen, was auf Reisen sehr umständlich werden kann. Es wurde danach ein komplettes Service gemacht, wo zuallererst die Speichen nachgezogen wurden, dann alle Schrauben überprüft und angezogen wurden und schließlich der Reifendruck überprüft und ergänzt wurde.
Dann bekam ich noch einen Tacho, dass ich endlich genau weiß, wie viel Strecke ich zurück lege und mich auch mit Karten besser orientieren kann (ohne GPS). Wenn man nicht weiß, wie weit man überhaupt schon gefahren ist, kann das ein bisschen schwer sein.

Ich habe mir Kartenmaterial (in Papierform) gekauft, mir noch eine Fahrradtasche für den Lenker zugelegt, sowie ein Regenhose. Da das Wetter anscheinend nicht nur schön sein wird (welch Überraschung).

Und dann, nach all diesen Vorbereitungen, besonders als ich meine Karten durchgesehen habe und die Planung für die nächsten Wochen grob überschlagen habe, kam sie wieder: Die Reiselust.

Wien ist schön. Ankommen ist schön, doch auch das Weggehen.
Ich weiß jetzt schon, dass es mir wieder ein bisschen das Herz brechen wird meinen Hund zurückzulassen, meine Freunde zurückzulassen und meine Familie. Mein gewohnte Umgebung, die Sicherheit aufzugeben, dass man alles findet, alles, was man braucht um sich hat. All das ist schwierig. Doch man muss Platz schaffen, damit sich Neues darin einfinden kann…

Im nächsten Artikel schreibe ich über Versagen und wie ich die Versagensangst loslasse.

Abschied nehmen

Man weiß nicht, was man fühlen wird, bis man es fühlt.

Irgendwie dachte ich wohl nicht darüber nach, oder ich dachte es würde leicht werden, wahrscheinlich dachte ich jedoch einfach gar nicht daran, wie es werden würde Abschied zu nehmen. Doch jetzt ist es so weit. Immer wieder passiert es: Ich muss Abschied nehmen.

Wenn man sich plötzlich nackt fühlt ohne Wiener Linien Jahreskarte, weiß man, man ist fix Wienerin. Oder einfach schon sehr lang in Wien.
Aber Abschiede bahnen sich ihren Weg auch auf andere Weisen zu mir.

Immer wieder wenn ich mich mit jemanden treffe, heißt es zum Schluss: „Falls wir uns nicht mehr sehen, ich wünsche dir…“ Und dann fühle ich, oh shit – this is for real. Genauso als ich heute meine Wiener Linien Jahreskarte abgegeben habe. Ein kleiner Stich ins Herz.

Abschiede tun ein bisschen weh, bringen sie uns doch immer wieder vor Augen, dass die große Veränderung jetzt direkt ansteht. Was auch, sein wird, es wird nicht mehr so sein wie vorher. Und dann ist da doch diese Angst vor dem Unbekannten. Diese Angst, über die man dachte, man hätte sie nicht, man stünde da drüber. Nope. Sie ist da. Man konnte sie sich nur nicht konkret vorstellen.

Denn man weiß nicht, genau was man fühlen wird, bis man es fühlt…