Es geht uns so gut

In letzter Zeit diskutiere ich immer wieder mit Freunden, wie gut es uns eigentlich geht. Unabhängig voneinander, in unterschiedlichen Zusammenhängen und auf verschiedene Aspekte bezogen. Ja, ich meine das ernst, es geht uns wirklich gut.

Politik
Wenn Leute jammern, „so kann es nicht weitergehen“, sage ich, „so schlimm ist es nicht; verbesserungswürdig, ja – immer, aber keinesfalls katastrophal“. Wir haben hier in Österreich bzw. in Europa die unglaubliche Freiheit selbst zu wählen – Demokratie – ein rares gut. Wenn die Menschen über „die Politiker“ oder „den Staat“ jammern, vergessen sie dass sie selbst den Staat ausmachen und dass „die Politiker“ zu einem großen Teil Menschen wie du und ich sind.

Reise durch den Alltag

Eigentlich sollte man seinen Alltag so planen, wie eine Reise. Wenn man auf Reisen ist, vor allem dann, wenn man (nahezu) jeden Tag weiterreist, wie ich mit dem Fahrrad, ist man gezwungen, sich ständig Gedanken zu machen: über die Route, die Übernachtung, ob man jemanden besucht, was man sich in der nächsten Stadt anschauen wird etc. Dadurch wird es nie langweilig. Es gibt keinen Alltag. Denn jeder Tag ist anders. Jeder Tag hat etwas Neues zu bieten.

Wenn man jedoch zuhause ist, hat man den Alltag: Die Tage habe meist eine Struktur, die man schon vor längerer Zeit festgelegt hat. Sie hat sich eingefahren, sagt man machmal. Oft hat sie sich einfach so ergeben, ohne dass man es groß geplant hätte. Meistens sind die Tage dadurch schon vorstrukturiert, dass man einer Arbeit nachgeht. Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit. Man muss ins Büro oder so. Die Zeit davor und danach, kann man ein bisschen frei gestalten. Je nachdem, wie viel Freizeit bleibt und ob nicht auch diese mit Fixterminen belegt ist – Fitnesskurse oder andere Kurse, Weiterbildungen…

Diese Ausnahme, wie ich sie gerade habe, gibt es selten: Ich bin zuhause und hab doch nichts fixes vor. Nichts, was meinen Alltag strukturiert. Und in diesen Situationen läuft man Gefahr, dem Alltag freie Hand zu lassen. Man lässt sich treiben (was natürlich manchmal gut sein kann), vergisst, dass doch jeder Tag das Potential hätte ziemlich einmalig zu sein. Ich muss mich daran erinnern, dass ich meine „Reise durch den Alltag“ genau so aufmerksam planen könnte, wie ein eine Reise über Felder und Wiesen, durch Wälder und Städte und dass ich zuhause, genau so wie unterwegs, jeden Tag etwas neues erleben könnte – wenn ich dies einplane.

Ich will es versuchen. Doch vielleicht ist diese Reise durch den Alltag sogar schwieriger als die andere, die „normale“ Reise.

Das Bild zeigt das Schaufenster eines Weinlokals in Brügge.

Ricks Farm und andere Eigenarten

Letzter Tag auf dem sogenannten „Pferdehof“ in der Nähe von Veurne, Belgien. Es ist Sonntag. Letzten Montag, also vor sechs Tagen kam ich an. Diese letzten Tage waren gefühlsmäßig seltsam neutral. Weder war ich besonders gut gelaunt, noch besonders schlecht. Ich habe mich manchmal komisch deplaziert gefühlt, nicht dazugehörig. Normalerweise wird man bei workaway mehr oder weniger in das allgemeine Leben mit einbezogen. Hier nicht. Ich habe mein Häuschen, meine Aufgaben, die ich alleine erledige. Drei Mal am Tag, oder manchmal auch vier Mal werde ich für die Hauptmahlzeiten und eventuell einen Snack zwischendurch ins Haus gerufen. Die Tür zum Haupthaus ist von Außen nur mit Schlüssel zu öffnen. Es war also offensichtlich nicht erwünscht, dass ich jemals selbständig hineinkonnte. Die 13jährige Tochter „kümmerte“ sich um mich, wenn die Mutter unterwegs war. Das heißt sie richtete Frühstück oder Mittagessen für mich her. Wie seltsam.

Scheiß auf die Trends

Es ist alles ein verdammter Trend. Alles.

Bio-Produkte, ökologisch leben, Fair-Trade, Fahrradfahren, ja Reisen, sowieso, Nachhaltigkeit… Sogar Ernährungsgewohnheiten. Viel Fleisch, kein Fleisch, Vegetarier, Veganer, Glutenfrei (oftmals, nicht immer), ohne Zucker, bla. bla. Die Art der Kindererziehung. Alles.

Es nervt mich manchmal. Oft. Warum kann man nicht einfach etwas so machen, wie man wirklich glaubt, dass es richtig ist? Ohne diesen ganzen Trend drum-herum.

Kann man sich vor Trends überhaupt selbst schützen? Kann man überhaupt ausschließen, dass man selbst etwas macht, nur weil es zum Trend geworden ist?

Habe ich die Reise unternommen, weil ich das Gefühl hatte, Reisen, das muss toll sein – jeder macht es, jeder sagt, es wäre toll, es muss toll sein – mach’ ich es auch? Manchmal kommt es mir so vor. Vielleicht war das der Grund. Vielleicht wäre ich auch sonst gerne gereist. Verdammt, ich kann es nicht mehr auseinander halten!

Reisen ist auch toll. Aber es ist zum Beispiel nicht unbedingt für mich gut, über längere Zeit zu reisen. Und alleine Reisen wird auch oft als besonders gut für die „Selbsterkenntnis“ angepriesen. Für manche vielleicht. Ich habe nicht unbedingt unglaubliche Dinge über mich erfahren. Außer vielleicht, dass ich Reisen nicht so toll finde, wie andere. Und dass sich immer etwas ergibt, dass man sich immer auf sich selbst verlassen können sollte. Aber das wusste ich irgendwie schon vorher.

Ist also alles ein verdammter Trend?
Vorsatz an mich selbst: Bewusst auf Trends scheißen.

Nachtrag, nachdem ich diesen Text gestern geschrieben habe und alles jeden Tag in neuem Licht erscheint: Die Reise hat mich nicht weiser gemacht, hat nichts zutage gebracht, das ich nicht irgendwie schon vorher wusste. Aber sie hat einiges klarer gemacht. Manches hat sich besser herauskristalisiert, was ohne die Reise vielleicht nicht so klar in Erscheinung getreten wäre. Vielleicht mehr dazu, ein andermal.