Wien: der Zweite

Der zweite Wiener Gemeindebezirk, Leopoldstadt genannt, fiele in die ganz enge Auswahl, ginge es darum, meinen Lieblingsbezirk zu wählen.

Zum ersten Mal kennengelernt, habe ich diesen charmanten, eigenwilligen Bezirk 2005, als die U2 noch nicht weiter als Schottentor fuhr, die Verlängerung über die Taborstraße, Richtung Norden, über die Donau, noch weit in der Zukunft lag. Die Taborstraße war mit der Straßenbahn vom Schwedenplatz zu erreichen, und als ich diese in jenem Jahr zum ersten Mal nahm, um mir dort, in der Novaragasse, einer Abzweigung aus der Taborstraße, eine Wohnung anzusehen, war diese Gegend noch absolutes Neuland für mich. Die Taborstraße, jetzt mehr und mehr Herberge für immer „hipsteriger“ werdende Geschäfte  war damals trostlos, geradezu abschreckend, ärmlich wirkend. Die gleichnamige U-Bahn-Station an der Kreuzung zur Oberen Augarten Straße, wo es Richtung Augarten und dem einst heftig umstrittenen MUTH (Wiener Sängerknaben!) geht, liegt heute genau dort, wo ich damals aus der Straßenbahn ausstieg. Wenn ich dieser Tage durch das torten-segment-ähnliche Stück zwischen Tabor- und Praterstraße spaziere, wo sich Töpfer- an Künstlerateliers reihen, der faire Biobaumwolle-Shirt Shop neben dem hippen Altwaren-Tandler für 60er Jahre Möbel friedlich koexistiert und es mittlerweile sogar eine Food-Coop (Essens-Kooperative) hin verschlagen hat, funkeln abwechselnd Erinnerungsstücke aus unterschiedlichen Schichten meines Lebens auf: Wie trostlos die Straßen damals waren, als ich sie zum ersten Mal sah, wie bedeckt mit Hundekot, wie es im Sommer stank und wie menschenleer die Gassen waren. Nur die Afrikaner belebten sie ein wenig, wenn sie vor den ein, zwei kleinen Shops (Handys? Frisier-Salone?) auf den schmalen Gehsteigen saßen. Ein solcher Shop befand sich genau vor meiner damaligen Wohnung. Ja, diese Wohnung. Wie wir sie per verrückten Zufall fanden, mein damaliger Freund und ich. Als wir sie also, nach besagter Straßenbahnfahrt besichtigten, durch das anonyme Stahl-Gitter-Tor, die betonierte Einfahrt hindurch, in den ebenso versiegelten Innenhof gingen, von dort aus in den 3. Stock, betraten wir ein eigenartiges Reich. Psychodelisch bunte, „abwaschbare“ Tapeten zierten die Wände. In jedem Zimmer eine neue, eine bizarrer als die andere. Auf das „abwaschbar“ legte die alte Dame, die unsere Vermieterin werden sollte, besonderen Wert, ebenso, wie auf die „goldenen“ Lichtschalter. Aus Kunststoff selbstverständlich, aber goldfarbig. Wie lange ihr Mann sich nach eben solchen umgesehen hatte, bis er welche fand, wie sie mit Nachdruck erzählte. Auch die Einrichtung war komplett und original aus längst vergangenen Tagen. Garderobe, Bett, Schlafzimmer-Kasten, Esstisch, Anrichte, Küche. Alles Unikate. Wir waren so froh, eine Wohnung gefunden zu haben, die wir uns leisten konnten, dass mein Freund die Tapeten gar nicht bemerkte. Erst nach dem Einzug nahm er sie wahr, ebenso wie den müffeligen Teppich-Fliesen-Boden mit dem kotzefarbenen Flor. Unsere Beziehung zu dieser Wohnung schlug schon bald zwischen Hass und Liebe hin und her, was sich vielleicht letztendlich sogar auf unsere eigene Beziehung übertrug. Stürmische Zeiten sollten auf uns zukommen…

Diese Erinnerungen, ebenso wie jene an die täglichen Wege zum Einkaufen, an die Spaziergänge durch unsere neue Umgebung, durch die Nähe zum Augarten begünstigt, spicken nun diese Gegend. Ich bewege mich inzwischen oft durch diesen Teil der Stadt. Nach mehreren Umzügen und nachdem sich mein Leben mehrmals komplett umgekrempelt hatte, sollte ich wieder in diese Gegend ziehen. 2013 war es, dass mich das Gretzl wieder hatte. Und wie es sich in der Zwischenzeit gemausert hatte.

Der Karmelitermarkt wurde zum Hipster und Bobo-Treffpunkt schlechthin (in dieser Definition liegt für mich keine Geringschätzung). Die Kreativen der Stadt, wohnen zu höheren Dichten hier. Auch ist der Zweite traditionell ein jüdischer Bezirk, wo mehrere Synagogen stehen, viele in den Gehsteig eingelassene Erinnerungssteine an Deportationen und Ermordungen während der Nazizeit erinnern… Die U-Bahn Station hat den Bezirk belebt. Die Gegend wird teurer und teurer. Macher Kreative kämpft damit sein Atelier oder Büro behalten zu können, da die Mietpreise stark angezogen haben. Aber er hat Flair, der Bezirk. Die Praterstraße wird immer schöner, Häuser werden renoviert, angesagte Lokale ziehen ein, teilen sich jedoch, was dem Charme keinesfalls abträglich ist, die Nachbarschaft mit den Shisha-Lokalen, die, nun ja, sagen wir, von etwas anderer Klientel bedient wird, als die großteils von Akademikern und Menschen höheren Bildungsschichten besuchten Lokale an dem pittoresken Platz rund um die Johann Nestroy Statue, wo die Aspernbrückengasse in die Praterstraße mündet.

Am anderen Ende der schnurgeraden Straße: der Praterstern. Dieser ist jetzt aktuell wieder in den Nachrichten, aufgrund des neuen „Alkoholverbots“. Unweit von hier damals, 2014, die Räumung der Pizzeria Anarchia, Punks gaben sich Schlachten gegen Polizei, mit ausgegrabenen Fallen und aus den Obergeschoßen hinabgeworfenen Einrichtungsgegenständen, Schutt und selbst Kot, so heißt es. Ich hörte damals von meiner Wohnung aus, aus der Praterstraße, den ganzen Tag Hubschrauber über dem Gebiet zirkeln. Beim Spaziergang in den Prater konnte ich in der Prater Hauptallee endlose Polizeikolonnen beim Warten auf den Einsatz beobachten.

Heutzutage nehme ich vom Praterstern die S-Bahn, um zu meiner Wohnung, die mittlerweile im angrenzenden 20. Bezirk liegt, zu fahren. Ich kenne den Praterstern gut. Ich habe die Praterstraße dabei beobachtet, wie sie sich verwandelte. Als das hippe Super-Sense, wenige Gehminuten vom Praterstern gelegen, seine Einweihungs-Feier machte (ein Geschäft für Analoges aller Art – Fotografie, Typografie, Schallplatten), war ich auch da. Als das riesige Kleiderreinigungs-Lokal unten an der Ecke zum Theater Nestroyhof zusperrte um danach jahrelang leer zu stehen, habe ich das mitbekommen. Jetzt macht dort endlich ein neues Geschäft auf. Irgendetwas mit Elektro-Rollern. Das ist ja jetzt angesagt – es liegt außerdem in guter Nachbarschaft; das teure Geschäft für City- und Rennräder gegenüber, das Roadbiker, hat schon zwei weitere Fahrradgeschäfte ebenfalls als Konkurrenz dazu bekommen. Die Fluktuation der Geschäftslokale hier ist jedoch hoch, ebenso wie die Miete. 4000 € monatlich, kostet das gerade erwähnte, große Ecklokal, wie ich damals, als es leer stand, recherchierte. Mal sehen, wie lange es sich hält.

Und mit jedem Jahr, das vergeht, legt sich eine neue Schicht Erinnerungen über diese Stadt. Wie oft ich im Augarten war. Hier ging ich laufen, hier gab ich meine Geburtstags-Picknicke im Frühling, wenn die Kastanienbäume blühten und die Blumenbeete erstmals mit bunten Blumen bepflanzt wurden. Hier ging ich im Sommer, wenn die Stadt unter einer Hitzeglocke fast erstickte und der Park angenehme Kühle spendete mit meinem Hund spazieren. Oder im Herbst, wenn sich die Blätter langsam rot färbten und Kastanien die Schotterwege bedeckten. Im Winter stand der Schnee manchmal einen knappen halben Meter hoch und verwandelte den Park in ein makelloses, sauberes, weißes Winter-Wonder-Land. Wenn die Krähen, laut kra-kra schreiend, sich vom Flakturm herabließen, um die Mistkübel zu plündern, während ihre anderen Gefährten, den Beton-Koloss wie im berühmten Hitchcock-Film in riesigen Schwärmen umkreisten, erzeugten sie eine geradezu übernatürliche Stimmung. Genau so spazierte ich auch damals hier mit meinem Freund, später alleine, später mit anderen Freunden, Bekannten, neuen Bekanntschaften, mit Personen, die mir nahe standen und stehen. Layer um Layer, Schicht um Schicht legen sich neue Erinnerungen über diese Stadt und der zweite Bezirk spielt eine Hauptrolle in diesem Stück, das sich mein Leben nennt.

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