Reisen in Zügen

Ich sitze im Zug Bologna – Verona einer Argentinierin und einem Argentinier gegenüber, einem Paar. Sie trinkend schlürfend Mate Tee aus einem dieser Gefäße mit Stahl-„Strohhalm“. Aus irgendeinem Grund ekeln sie mich an, obwohl sie wie ganz normale Menschen aussehen, weder verwahrlost noch auf eine andere Weise grauslich. Vielleicht ist es nur das nervtötende Mate Schlürfgeräusch. Der Behälter muss alle 10 bis 20 Sekunden nachgefüllt werden. Da ich Zeugin der Zubereitung wurde, weiß ich, dass mindestens drei große Esslöffel staubigen Tees darin gelandet sein müssen – für das Wasser bleibt nicht mehr viel Platz. Der Mann erinnert mich an jemanden. Jemand, den ich einmal mochte und dann nicht mehr. Vielleicht stammt der Ekel auch daher.
Schlürf. Wieder und wieder. Dieses eklige Geräusch. Wieder wird Wasser nachgegossen. Sie diskutieren oder streiten leise. Wie alle Paare, kommt mir vor. Gibt es noch Paare, die friedlich miteinender auskommen? Warum werde ich immer wieder damit konfrontiert? Soll ich endlich begreifen, dass in der Existenz als Teil einer Zweierbeziehung kein Glück zu finden ist?

Nächster Halt. Verona. Gelangweilt schlendere ich auch hier, wie immer, die unterirdischen Gänge des Bahnhofes entlang, wie in allen Bahnhöfen, in denen ich umsteigen musste. Die Italiener wissen bzw. wussten keine guten Bahnhöfe zu planen, die Gänge sind viel zu eng und dementsprechend gestopft voll. Die Bahsteige sind zu schmal. Bei Ankunft der Züge drängen sich die Menschen zusammen, als wäre man am Bahnhof von Neu-Delhi, wo ich auch einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte…
Dann: warten vor einem verschlossenen Zug. Zur Abfahrtszeit stehe ich mit allen anderen Reisenden immer noch am Bahnsteig vor den abgesperrten Wagons. Der Zug ist leer. Statt abzufahren, lässt er wie ein stöhnendes Ungetüm laut zischend Luft entweichen. Es passiert lange Zeit nichts. Das kann nur eines bedeuten: Verspätung. Die Menschen zünden sich erste Zigaretten an.

Letztendlich werden die Türen mit einem weiteren Zischen freigegeben. Man steigt ein. Der Grund für die Verzögerug wird keineswegs ersichtlich. Entgegen meiner Befürchtungen beim Anblick des Zuges ist dieser jedoch klimatisiert. Nicht, dass ich eine Liebhaberin von Klimaanlagen wäre, ganz im Gegenteil, aber bei über 30 Grad im Schatten in einer Blechbüchse eingesperrt zu sein ist alles andere als wünschenswert.

Klappernd setzt dieser in die Jahre gekommene Zug meine Reise fort. Ich habe, ganz anders als im letzten, viel Platz. Niemand geht mir auf die Nerven, außer ich mir selbst vielleicht. Dass ich erst eine gute Woche unterwegs bin, will mir nicht in den Sinn. Mir kommt es bereits wie mehr als zwei vor und, wie immer, wenn ich so lange fort bin von Wien, sehne ich mich dahin aus unerklärlichen Gründen mit einer starken Dringlichkeit zurück, die sich durch einen beklemmenden Druck in der Brust bemerkbar macht. Aber es sind keine zwei Wochen vergangen, bloß neun Tage. Und trotzdem….

Verona – Brixen. Die Landschaft Italiens zieht an mir vorbei. Aus den flachen Landschaften haben sich in der Zwischenzeit Berge erhoben. Es gibt Wälder und Weinreben, Dörfer mit Kirchen an Füßen von felsig aufragenden Bergen. Die Aussicht scheint idyllisch. Wie kommt es, dass hügelige Landschaft meist so viel ansprechender erscheint als flache? Zuvor hatten industrielle Anlagen, Straßen, Autobahnen, Gewerbegebiete und Meere von Folientunneln, in denen Gemüse für die hungrigen Mäuler Europas angebaut wird, die Ebenen in Beschlag genommen und verwüstet, sagen wir es, wie es ist. Nun schmiegen sich schüchterne Häuser mit flachen Ziegeldächern an die Schöße der Dolomiten. Auch die paar Ausrutscher an anonymer, gesichtsloser Architektur werden verziehen. Selbst die Staße fällt nicht weiter auf. Hier zahlt sich der Blick aus dem Zugfenster wieder aus; es war auf meiner Reise bisher nicht überall so.
Mir wird keine Sekunde lang fad, ich werde höchstens schläfrig. In kurzen Abschnitten lese ich in meinem Buch, dazwischen lege ich lange Pausen ein, um aus dem Fenster zu schauen oder diese Zeilen aufzuschreiben. Neuerdings, so scheint mir, könnte ich nahezu den ganzen Tag im Zug verbringen, ohne dass es mich weiter stören würde. Gesetzt, ich hätte genug Platz um mich und keine oder zumindest angenehme Mitreisende. Die Schläfrigkeit lullt mich ein. Wenn ich darüber nachdenke, geht es mir schon seit Tagen so. Ich schiebe es auf das Wetter, dass ich den ganzen Tag vor mich hindösen könnte, nur unterbrochen dadurch, dass ich mich der Nahrungsaufnahme widme.

Reisende sind eingestiegen. Sie öffnen die Fenster. Ohrenbetäubende Geräusche füllen den Wagon wegen der großen Geschwindigkeit. Wir fahren in einem Tal. Links und rechts erheben sich die Berge im Hintergrund einer durch Weinbau und Obstbau genutzten, flachen Landschaft. Ich versuche mir alles aus der Vogelperspektive vorzustellen. Dann müsste ich nicht die hässlichen Produktionsstätten, Lagerhallen und unerklärlichen grauen, verwahrlosten Bauten sehen, die wieder die Gleise flankieren.
In Trient bemerke ich zum ersten Mal, dass deutsch gesprochen wird. Südtirol.

Nach ungezählten Pizzen, Tortellini und anderen Pasta-Gerichten verlasse ich Italien bald wieder, nicht ohne Wehmut, und werde mich ab Bressanonne mit dem Auto, gemeinsam mit meinen Freunden, Richtung Deutschland aufmachen.