Venedig mal anders

Venedig ist wunderschön. Venedig ist Kitsch. Venedig ist ein Disneyland, nur echt. Venedig ist unglaublich. Venedig ist ein Labyrinth. Venedig ist eine riesige Einkaufsstraße. Venedig ist all das und so viel mehr.
Wir wollten die unentdeckten Seiten Venedigs kennenlernen, die versteckten Winkel, falls es so etwas noch gab. Wir begaben uns auf die Suche, auf den Routen abseits der bekannten und abgetretenen Straßen.
Man merkt, dass man auf dem richtigen Weg ist, wenn die Geschäfte weniger und das Italienisch auf den Straßen mehr wird. Wir staunten und fotografierten, kamen auf menschenleere Plätze und waren stolz auf unseren Entdeckergeist. Langsam aber sicher machte sich der Hunger bemerkbar, wie es eben so ist, wenn man ohne Ziel stundenlang unterwegs ist.
An Trattorias und Osterias mangelt es in Venedig wahrlich nicht. Genausowenig wie an Geschäften für überbordend geschmückte Masken umd Boutiquen für jedes Geldbörsel. Doch es konnte nicht irgendein Lokal sein. Unzählige ließen wir aus den unterschiedlichsten Gründen links liegen. Es musste etwas Besonderes sein.
Ein Tisch im Freien, üppig mit Essen zur Selbstbedienung beladen, weckte unsere Aufmerksamkeit. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass die Besitzerin des Weinlokals zu dem der Tisch gehörte den Geburtstag ihres verstorbenene Mannes feierte, "Man muss die Geburtstage feiern, auch wenn die Menschen nicht mehr auf der Erde sind", meinte sie und lud uns zu Wein und Häppchen ein. Wir sollten so viel zahlen, wie wir wollten, sagte sie.
Endlich sich nicht wie ein wandelndes Geldbörsel fühlen, keine Cashcow sein. Einfach von Mensch zu Mensch. Am Rande des Kanals, auf dem Boden sitzend, aßen wir kleine panierte Fische und Salat mir Couscous und Käse. Neben anderen angeheiterten Menschen tranken wir unseren Wein. Hunde bettelten an Leinen zerrend um Reste und bekamen nichts. Kinder spielten am Boden und zeichneten Unerklärliches mit Kreide. Ein Hund kackte unweit auf den Boden, ausgerechnet vor dem Zigarettenautomaten, jemand stieg beim Zigarettenkauf hinein und verteilte den Dreck auf seinem weiteren Weg. Infolge dessen schmierten die Kinder ihre behosten Knie hinein – niemand achtete darauf, nur wir allein verfolgten diesen unbemerkten Sketch.
Venedig wurde zu einer Stadt, kein Disneyand mehr. Eine Stadt mit lebenden Menschen die feierten und sich betranken, lachten und schrien. Eine sympatische Stadt.