Aachen und Maastricht – zwei Mal positiv überrascht

Gestern habe ich einen Tag in Aachen verbracht. Diese Pause habe ich mir auch wirklich verdient, nachdem ich unbedachter Weise eine „Tour de Force“ eingelegt habe und von Mehlem (Abzweigung südlich von Bonn) nach Aachen 127 km zurückgelegt habe. Laut Navi hätten es 92 sein sollen. Aber das Navi rechnet den geradesten Weg mit allen möglichen Abkürzungen, den man so eigentlich fast nicht fahren kann (die beschilderte Route ist oft viel länger). Ich bin also um 21 Uhr in Aachen angekommen, müde aber sonst in guter Verfassung.

In Aachen bin ich wieder einmal wunderbar verpflegt worden – meine neue Bekanntschaft aus Nürnberg hat mich zu ihrem Schwager nach Aachen vermittelt. Es war ein sehr angenehmer Aufenthalt, voller interessanter Gespräche, sehr freundschaftlich. Ich hatte ein gutes Abendessen und gute Frühstücke, durfte mich wie zuhause fühlen und mir fehlte es an nichts.

Am nächsten Tag habe ich mir die Aachner Innenstadt angeschaut: den Aachner Dom und die Fußgängerzone, den Elisengarten, wo ein Pavillion steht, der Ausgrabungen aus unterschiedlichen Zeitepochen, von Steinzeit, über Römer bis in die Neuzeit beherbergt und anhand dieser die Geschichte Aachens erklärt. Ich habe erfahren, dass Aachen eine Pilgerstadt war und ist und dass es dort Thermalquellen gibt, die schon seit Jahrhunderten von Fürsten und Königen und anderen wichtigen zeitgeschichtlichen Persönlichkeiten aufgesucht werden.
Außerdem ist die Gegend rund um Aachen ein Gebiet des Kohleabbaus und verschiedene vermeintliche Hügel wurden eigentlich von Menschenhand im Zuge des Kohleabbaus aufgeschüttet.

 


Heute früh habe ich Aachen verlassen und bin nach kurzen 35 km, ungefähr zur Mittagszeit in Maastricht angekommen. Alle die im Vorfeld meiner Reise gesagt haben, „Was, du fährst nicht nach Holland, DAS Fahrradland?!“ können jetzt beruhigt sein. Ich war nun auch in Holland. Wobei sich Holland eher in meinem Weg geschoben hat als dass ich es bewusst aufgesucht hätte. Limburg, so heißt das Zipfel im Dreiländereck, ist wie eine Zunge, die sich mal kurz zwischen Deutschland und Belgien schiebt. Und tatsächlich – kaum fährt man über die unsichtbare Grenze, irgendwo gleich nachdem die Stadt Aachen endet, sind alle Häusern aus Backsteinmauerwerk und die Vorgärten akkurat bis ins kleinste Detail gestaltet. Die Holländer scheinen ein besonderes Faible für Buchsbaumhecken und Buchsbaumtiere zu haben. Die Vorgärten sind meist nach einem Schema gestaltet, das ungefähr so geht: Der Boden entweder als englischer Rasen, oder mit Bruchstein (grau oder weiß) belegt. Buchsbaumhecken, meist nur kniehoch, genauestens in Form geschnitten, fassen Blumenarrangements ein. Dazwischen, manchmal ein paar Formen, seien es Kegel, Kugeln oder sogar Tierformen aus diesen kleinblättrigen Buschwerk. Und manche von ihnen geben sich grenzenlos der „Liebe“ zu Gartenzwergen hin und stellen Dutzende von ihnen auf. Außerdem haben sie große Fenster zu Straße, vorwiegend ohne Unterteilung durch Sprossen oder dergleichen, die sie, Schaufenstern gleich, schmücken. Also alles typisch holländisch, scheint mir.

Zwischen den Siedlungen erstrecken sich große Kuhweiden mit meist schwarz-weiß gefleckten Kühen, manchmal sieht man auch Pferde auf Koppeln grasen. In rasantem Tempo geht es meist bergab, nur von kurzen Anstiegen unterbrochen. Im Dreiländereck liegt die höchste Erhebung Hollands, ich fahre also in die Ebene hinunter.

Auch Maastricht kommt mir sehr typisch niederländisch vor. Massenweise Fahrräder, Backsteine und zu meinem Leidwesen (da ich Rad fahre) viel Kopfsteinpflaster. Ich werde ordentlich durchgeschüttelt. Laut Wikipedia gibt es hier sogar Coffeeshops (in denen Holländer legal „Gras“ kaufen können, Ausländer dürfen das nicht), auf die ich jedoch noch nicht gestoßen bin.

Die Innenstadt ist das reinste Einkaufsparadies. Selten habe ich ein Geflecht aus dermaßen vielen Einkaufsstraßen gesehen, viele durchaus interessante Sachen, endlich kein Konglomerat aus den „üblichen Verdächtigen“ mehr.

Nach einem anständigen Lunch/Dinner, das aus Veggie-Burger inklusive Pommes mit Mayonnaise besteht, breche ich zur weiteren Erkundungstouren auf. Die zwei Kirchen am Vrijthof sind leider schon geschlossen, genauso wie die Museen und auch die Geschäfte machen sich bereit zum absperren. Um 18 Uhr werden hier anscheinend die „Bürgersteige hochgeklappt“. Ich fahre durch den Stadtpark, wo es einen kleinen „Streichelzoo“ mit Hühnern, Ziegen, Rehen und anderem kleinen Getier gibt, danach beschließe ich zum „Fort“ hinaufzufahren – von dort habe ich einen besseren Ausblick über Maastricht, mit dem ich aber nicht so ganz zufrieden bin. Irgendwie sieht man die „wichtigen“ Gebäude nicht…
Auf dem Weg zurück passiere ich noch einmal Teile der Altstadt und fahre über die beliebteste Brücke (Sint Servaatsbrug). Ich bin Zeuge, wie der stählerne Mittelteil in die Höhe gefahren wird, damit ein Schiff unter der Brücke passieren kann. Das geschieht unabhängig davon, ob sich Leute auf dem jeweiligen Teil der Brücke befinden, oder nicht. Der Höhenunterschied zwischen den angrenzenden Brückenteilen aus Stein wird einfach durch Metallrampen ausgeglichen.
Ich fahre durch das Viertel östlich der Maas, das sich gegenüber der Altstadt befindet. Auch dieses ist sehr charmant. Ich frage mich die ganze Zeit, warum ich die Straßenzüge so ansprechend finde – bis ich bemerke, dass die Geschäfte nur sehr zurückhaltende Schilder haben, die wie in alten Zeiten anmuten. Es gibt keine riesigen, hinterleuchteten Buchstaben oder dergleichen.

Auf der Fahrt zurück in meine Pension, werde ich vom Gefühl erfasst, dass ich Maastricht mag. Ich wusste vorher nicht, was ich von dieser Stadt erwarten sollte, doch sie gefällt mir. Irgendwie hat sie Charisma und Flair. Wer nicht immer wieder nur nach Amsterdam fahren will, dem sei Maastricht ans Herz gelegt!

Morgen geht es ENDLICH durch Flandern! Ich habe mich schon lange auf diese Tour gefreut. Endlich ein neues Land. Flandern ist der nördliche Teil von Belgien, wo hauptsächlich Niederländisch gesprochen wird. Im südlichen Teil, Wallonien, wird vorwiegend Französisch gesprochen. Zwischen den zwei Teilen herrscht eine Konkurrenz, die geschichtlich bedingt ist.
Ich freue mich auf die zahlreichen kleinen Dörfer, durch die ich fahren werde, die allesamt eine reiche, weit zurückreichende Geschichte haben und auch optisch was hergeben sollen.